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Lichtspiel modern: Dan Flavins raumteilende Installation aus Rahmen und roten sowie blauen Leuchtstoffröhren zaubert verschiedene Farbeffekte auf das Ziegelmauerwerk.

Ausstellung im Schloss Herrenchiemsee

Die Königsklasse neu erleben

München - Es ist eine Hommage an Franz von Bayern: Die Pinakothek der Moderne zeigt im Schloss Herrenchiemsee Kunst des 20. Jahrhunderts.

Der Besucher schlendert mit mehr oder weniger offenem Staun-Mund durch die Säle des Schlosses Herrenchiemsee: Barock-Prunk à la Ludwig XIV., angerichtet von den Helfern Ludwigs II. im späten 19. Jahrhundert. Und dann stehst du nach Rocaillen-, Spiegelglas- und Gold-Zauber, zack, im Rohbau. Unverputzter Ziegel allüberall – ganz stark die Wirkung, die das Muskelfleisch der Architektur auf einen ausübt. In diesen Nordflügel sind zehn Künstler aus dem 20. Jahrhundert eingezogen. Die Sammlung Kunst der Pinakothek der Moderne hat einen Ausflug auf die Insel im bayerischen Meer unter dem Motto „Königsklasse“ gemacht.

Immer in Gruppen: Kunstfreunde im Gespräch neben Georg Baselitz’ Skulptur „BDM Gruppe“ von 2013 und dem Bild „Zwei Meißner Waldarbeiter“ von 1967

Eine wunderbare Idee – gerade in Sanierungs-Schließzeiten –, sich einmal ganz anders zu präsentieren. Corinna Thierolf, die Kuratorin der Ausstellung und Referentin der PDM für Kunst ab 1945, betont noch etwas Weiteres. Und das unterstreichen sie und Klaus Schrenk, Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, mehrfach: Die „Königsklasse“ mit deutschen und US-amerikanischen Künstlern der Oberliga sei unbedingt als „Hommage“ an Herzog Franz von Bayern anzusehen. Und ein Geburtstagsgeschenk ist es obendrein, denn der Chef der Wittelsbacher feiert am Sonntag seinen 80. Geburtstag. Natürlich hat Herzog Franz daran mitgewirkt (inklusive aller Pinakotheken-Freundeskreise), die Präsentation im Schloss Wirklichkeit werden zu lassen. Die Bayerische Schlösserverwaltung hat mit Geduld und logistischem Geschick alle Fährnisse – Stichwort: Hochwasser, Stichwort: Problemformate – aus dem Weg geräumt. „Es gibt keinen besseren Ort, um Träume zu realisieren“, schwärmt Thierolf, die mit dem Herzog den Plan ausgesponnen hat.

Beide sind im Gegensatz zu Ludwig II. jedoch Traumtänzer mit Bodenhaftung. Denn über die Herrlichkeiten des Schlosses Herrenchiemsee bekommt man touristische Besucher. Und durch die geografische Lage Festival-Besucher von den eigenen Festspielen auf der Insel über München, Gut Immling, Erl bis Salzburg. Ihnen wird in der Tat Hochkarätiges geboten – nichts Anbiederndes. Weder in den Werken, noch im Umfeld. Die Arbeiten müssen sich gegen die handwerkliche Kraft der Maurer-Kunst, deren Farbe, deren Rhythmik behaupten. Das gelingt gut bis großartig. Insbesondere die Skulpturen aus Leuchtstoffröhren fühlen sich im unfertigen Palast gewissermaßen pudelwohl: etwa der lange „Raumtrenner“ aus leicht ineinandergeschobenen weißen Rahmen, an denen oben und unten blau, rechts und links rot leuchtende Röhren angebracht sind. Schon der lila Schimmer im Raum vorher weist auf ein raffiniertes Lichtfarbenraum-Spiel hin. Wunderbar funktionieren die strahlenden „monuments“ von Dan Flavin in einem Zimmer mit vielen Säulen – beides geht in die Vertikale. Die wird dann hinreißend extrem im Rosa-Ultraviolett-Hin-und-Her, das 20 Meter im zweiten Treppenhaus bis zum Glasdach aufsteigt.

Begrüßt wird der Besucher zunächst jedoch von „dem bedeutendsten deutschen und dem bedeutendsten amerikanischen Künstler des 20. Jahrhunderts“, so Thierolf, nämlich von Joseph Beuys in einem Warhol’schen Glitzerporträt und von Andy Warhol in einem Denkerpose-Selbstbildnis. Später haben sie jeweils in einem Saal ihren Solo-Auftritt mit einer Werkgruppe – wie die anderen Kollegen auch. Allerdings wirkt sowohl das Beuys- wie das Warhol-Arrangement seltsam matt.

Dagegen tun die roh-roten Mauern den Gemälden von Georg Baselitz richtig gut, und seine riesige „BDM Gruppe“ aus diesem Jahr setzt einen wild-bedrohlichen Mega-Akzent in den hohen Raum. Schön, dass man seinen Jugend-Kompagnon, den fast vergessenen Eugen Schönbeck, dazu kombiniert hat. Wie für den Backstein gedacht scheint Arnulf Rainers Serie aus schwarzen, roten oder schwarz-roten Werken, die die Kreuzform variieren. Der Saal bekommt eine andächtige Erhabenheit, hebt die Verletzlichkeit und zugleich die sakrale Tiefe dieser Gemälde hervor.

Dagegen erzeugen Willem de Koonings Bilder (ergänzt um eine Knautschblech-Skulptur von John Chamberlain) mit ihrem abstrakten, hellen, sonnigen Bandl-Tanz passende Sommerstimmung – zumal man aus jedem Saal ins Grüne schauen kann. Solch beschwingten Spaß genießt ebenfalls Sigmar Polke mit seinem Zyklus der „Schleifenbilder“. Er erinnert damit an die Schnörkel, die Dürer über seinen Holzschnitt „Triumphzug Kaiser Maximilians I.“ hinkräuselte. Womit wir doch irgendwie bei den Schneckerln wären, die sich in den Prunkräumen von Herrenchiemsee tummeln.

13. Juli bis 29. September,

täglich 9 bis 18 Uhr, Führungen Fr., Sa., So. 11 und 14 Uhr. Schiff ab Prien, Hafen mit Parkplatz.

Von Simone Dattenberger

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