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Schlupflöcher

- Es ist ein Buch der Schlupflöcher: Was sich in ihnen verbirgt, erklärt die poröse Machart der Welt. Und die zu Essays verdichteten Texte Orhan Pamuks - er gilt als einer der Favoriten für den Literaturnobelpreis - tun dies mit ihren Schlupflöchlein nachdrücklicher und beunruhigender, als es die Belletristik vermag.

In "Über das Lesen" schreibt der türkische Dichter über sein Verhältnis zur Literatur -als Leser: "Wörter und Literatur sind nämlich wie Ameisen oder Wasser: Sie dringen überallhin, auch noch in die kleinsten Ritzen und Schlupflöcher.

Und was wir über das Leben und die Welt am dringendsten wissen wollen, zeigt sich gerade in diesen Schlupflöchern -deshalb ist es am ehesten die Literatur, die das sieht und davon künden kann." Pamuk hat in "Der Blick aus meinem Fenster" vor allem Gebrauchsliteratur über Politik, Kunst, Literatur und Architektur versammelt. Alle Essays sind zwischen 1995 und 2005 in deutschen Zeitungen erschienen oder als Reden oder Vorworte entstanden.

Selbst die hübsche autobiografische Erzählung "Aus dem Fenster schauen": Während Orhan und sein Bruder als Kinder unwissend ihr Tauschspiel mit den Sammelbildern der "Reihe des Ruhms" treiben, bestätigt sich für die Mutter der Verdacht, dass ihr Mann ohne sie in ein neues Leben in Paris aufgebrochen ist. Vielleicht auch in Anlehnung an das selbstbezogene Aus-dem-Fensterschauen der Erzählung ist der Titel des Bandes entstanden: Der zurückgezogen lebende Büchermensch richtet seinen -eingeschränkten -Blick aus dem Fenster auf den dort gerade sichtbaren Ausschnitt der Welt.

Literaturnobelpreis-Favorit

Pamuk bekennt sich damit zu einer betont subjektiven Sichtweise. Frühe, traurigkomische Erfahrungen begründen etwa sein Misstrauen gegenüber Nationalität: "Ein Pass ist also nicht, wie ich bisher annahm, ein Papier, das unsere Identität dokumentiert, sondern ein Dokument, das zeigt, was andere von unserer Identität halten."

Für den Autor ein Anlass, auch über Nationalismus nachzudenken: "Flatternde Fahnen, nationale Feierlichkeiten und Freudenfeste nach Fußballsiegen zeigen, dass sich glückliche Nationalisten überall auf der Welt gleichen. Wenn Nationalismus bedeutet, dass man sich des Unterschieds zwischen der eigenen Identität und der anderer Menschen rühmen kann, dann ist das ein glatter Widerspruch in sich."

Heftig kritisiert Pamuk in "Fünfundvierzig Sekunden" über das Istanbuler Erdbeben 1999 das eigene Land: "Ein Staat, dessen organisatorische Logik auf Schlagen, Unterdrücken, Angstmachen, Verboten und Gewaltanwendung beruht, bringt es nicht fertig zu helfen, Wunden zu verbinden und dem Volk zu dienen."

Es sind solche, in den Schlupflöchern anekdotischer Begebenheiten verborgenen Weisheiten und Bonmots, die dieses heterogene Buch lehrreich machen. Aber auch die Beobachtungen und Bewertungen des türkischen und damit westöstlichen Grenzgängers. "Der Zorn der Verdammten" von Ende September 2001 ist eine Einordnung der Reaktionen in der Türkei auf die Anschläge vom 11. September.

"Was einen armen alten Mann in Istanbul -und sei es für einen Augenblick der Empörung -den Terror in New York gutheißen lässt, (…) ist weder die islamische Zivilisation noch der Unsinn, den man als Konflikt zwischen Orient und Okzident bezeichnet, oder gar die Armut selbst, sondern die Ausweglosigkeit, erniedrigt zu werden, sich nicht verständlich machen zu können, nicht gehört zu werden." Wenigstens Orhan Pamuk wird hierzulande ein wenig gehört.

Orhan Pamuk: "Der Blick aus meinem Fenster".

Aus dem Türkischen von Gerhard Meier, Christoph K. Neumann u.a.,

Hanser Verlag, München, 255 S.;

21,50 Euro.

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