1860 trauert um „Atom-Otto“

1860 trauert um „Atom-Otto“
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Schnelle Schiffe waren die wichtigsten Waffen der Wikinger; hier ein Acryl-Nachbau als Blickfang in der Ausstellungshalle.

Schluss mit dem Hörnerhelm

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Der Lokschuppen Rosenheim erzählt in der Ausstellung „Wikinger!“ umfassend von den wilden Nordmännern des frühen Mittelalters - und Wickie ist für die Kinder selbstverständlich  mit dabei

Rosenheim - Wickie, das herzige Wikinger-Kindl von Rune Jonsson, zieht sicherlich Groß und Klein in die Ausstellung „Wikinger!“ (Kooperationspartner: Lunds Universitets Historiska Museum), die nun im Rosenheimer Lokschuppen der Veranstaltungs- und Kongress GmbH zu sehen ist. Und Wickie begleitet natürlich die Kinder durch die Schau, erzählt, erklärt und macht Spaß. Abgesehen davon wird um den Frechdachs herum alles Mögliche mit dem Nachwuchs unternommen. Damit aber niemand glaubt, dass die Wikinger lediglich lustig und täppisch oder lächerlich böse waren, beginnt der Rundgang durch die Präsentation mit einer verwüsteten, noch brennenden Siedlung. Unheimlich schimmern daneben fratzenhafte Masken, in Acrylglas vergrößert, mit Lila unterlegt.

Vom 8. bis ins 11. Jahrhundert terrorisierten kriegerische Männer aus dem heutigen Skandinavien die übrigen europäischen Länder mit Überfällen und ausgiebigen Raubzügen, die sich zu Kolonienbildungen auswuchsen. Man wollte Beute machen, egal ob Silber oder Menschen. Dabei waren die Wikinger gute Händler, allerdings ging Geschäft und Verbrechen ineinander über – was es ja zu allen Zeiten gab und gibt. Deswegen spricht die Ausstellung von „Mafia“, zumal die harten Burschen gern Tribut und Lösegeld erpressten: Zahlst du gut, zerstöre ich deine Stadt nicht. Erst als sich in ihren Heimatländern ebenfalls Königtümer entwickelten, verschwanden die Wikinger sozusagen.

Sie waren nämlich kein Volk. Mit „Wikinger“ wurden die Männer bezeichnet, die auf kriegerische Reise gingen. Kuratorin Michaela Helmbrecht erklärt, der Begriff sei „eher eine Berufsbezeichnung“ und war bei anderen ein „Schimpfwort“. Besser als die Vandalen lösten sich die brutalen Räuber von ihrem schlechten Ruf und werden bei uns vom Kino oder von der Werbung gern benutzt. Sie werden oft als tolle Kerle gesehen. Und das stimmt zum Beispiel für den Bereich Schiffsbau und Schifffahrt: Die Wikinger entdeckten Amerika. Kamen aber auch irgendwie nach Bayern, zumindest was ihr nun wirklich großartiges Kunsthandwerk angeht. So zeigt die Schau, die vom Wiener Studio Kudlich geschickt in die Halle hineininszeniert wurde, gleich nach dem schaurigen Auftakt den Fund bei Marquartstein, Landkreis Traunstein. Dem anmutigen Charme der Riemenverzierung erliegt man sofort, obwohl der Riemen dereinst ein Schwert hielt.

Bereits an dieser Stelle wird deutlich, dass das Rosenheimer Konzept (wissenschaftlicher Berater: Rolf Simek) im Gegensatz zur Berliner Wikinger-Exposition nicht vom Schiff ausgeht, sondern die frühmittelalterlichen Skandinavier möglichst ausgewogen darstellen möchte, obwohl das „Wickie“-Filmschiff vor dem Lokschuppen „parkt“. Das geheime Zentrum der Ausstellung aus „Wissensvermittlung und Erlebnis“ – so Lokschuppen-Chef Peter Miesbeck – ist die Kunst. An fast allen Stationen auf dem Wikinger-Parcours finden sich Schmuckstücke, die es mit großer Kunst aufnehmen können, so klein sie sein mögen. Der Betrachter muss sich Zeit nehmen, um in die raffinierte Welt der Wikinger-Ornamentik einzutauchen. Dann wird er schnell ein Fan jener Silberschmiede, die handwerklich virtuos waren – und offenbar gerne um fünf Ecken dachten. Diese Kleinplastiken haben es in sich, denn sie verschlingen Tierkörper zu sagenhaften Grotesken. Offenbar trafen sich in dieser Strategie die Künstler-Handwerker mit den Skalden-Dichtern. Mit extrem Verzwicktem forderten beide Gruppen ihre Kunden heraus. Sinnbildlich für diese Symbiose steht der Vogelmann. In dem vergoldeten Bronzebeschlag sind Mensch und Tier verflochten. Angespielt wird auf Völund – wir kennen ihn als Wieland –, der sich solchermaßen beflügelt aus der Gefangenschaft rettet. Die skandinavische Lust am Erzählen wird in der Schau allerdings verständlicher dargeboten. Genauso wie die Götterwelt zwischen Odin und Fryja, dem Ur-Riesen Ymir, aus dessen hingemordetem Leib die Götter die Welt bauten, und der gefährlichen Midgard-Schlange.

Noch gelungener wird mit originalen Objekten zwischen Kamm, Trinkhorn, Spindel oder Axt und illustrierenden Zeichnungen ein Tag im Dasein einer Bauernfamilie geschildert. Wahrscheinlich war diese Lebensform das Rückgrat der Gesellschaften von Dänemark bis Norwegen. Auf diese Weise lässt die Präsentation nach und nach mehrere Wikinger-Klischees zerbröseln: Wickie muss den Hörnerhelm ablegen, den gab es überhaupt nicht. Met war nicht Massen-Gesöff, sondern kostbar. Bier war das Übliche. Die Wikinger tauchten nicht aus dem Nichts aus. Globalisierung bis zum Orient gab es schon vor den Raubzügen.

Was auf alle Fälle typisch wikingerisch ist, sind die Schiffe. Toptechnologie des frühen Mittelalters. Die Nordmänner bauten die Gefährte zwischen zwölf und 40 Meter lang. Kürzere breite waren gute Transportmittel. Die extrem langen und extrem schmalen (knapp vier Meter) Boote mit dem hochgezogenen Kiel konnten in hoher Geschwindigkeit viele Männer zum Einsatzort bringen. Das wurde den Küsten- und Flussanrainern regelmäßig zum Verhängnis. Die Schnelligkeit wurde durch Segel erreicht, und die Wikinger vermochten obendrein gegen den Wind zu segeln. All das wird im Lokschuppen sogar für Landratten anschaulich erklärt. Wenn man dann noch die simplen Äxte und Spaltkeile der Schiffsbaumeister sieht, kann man nur sagen: Respekt, Wikinger!

Bis 4. Dezember

Mo.–Fr. 9–18 Uhr, Wochenende 10–18 Uhr; Rathausstraße 24; Infos und Buchungen Telefon: 08031/ 36 59 03 6, www.lokschuppen.de; ausführliches Begleitbuch, Koehler Verlag: 26,90 Euro.

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