Schluss mit lustig

- Bellezza, die Schönheit, ist ein naives Mädchen, mit weißen Luftballons geschmückt, eine Puppe hinter sich herziehend. Piacere, das Vergnügen, präsentiert sich als ein Jüngling im knallroten Frack. Disinganno, die Enttäuschung, schlüpft in allerlei Gewänder, und Tempo, die Zeit, herrscht als schwarzer Leder-Mann aus dem Rollstuhl. Die barocken Allegorien, die Kardinal Pamphili für Händels Oratorium "Il trionfo del tempo e del disinganno" 1707 schuf, sind im Münchner Akademietheater zu neuem Leben erwacht. Eva-Maria Höckmayr aus dem 3. Jahrgang des Studienganges Regie an der Bayerischen Theaterakademie hat sich das Oratorium vorgenommen und geschickt in Szene gesetzt.

<P>Sie ließ sich von Nina von Essen eine kühle, schicke Bühne bauen: eine Schaufenster-Vitrine, ein "Glashaus", das zugleich ein Theater auf dem Theater assoziiert. Umgeben ist es von einem Wald strenger Säulen, durch den die Figuren zuweilen irren. Zentraler Ort des Geschehens aber ist die mit Erde und Kunstrasen ausgelegte Vitrine mit dem Lamellenvorhang - eine Beziehungskiste, in der sich Paare formieren und einander heftig begehren. Den christlich-moralischen Impetus, der das Original durchdringt, saugt in Höckmayrs Regie der Zeitgeist auf. Das funktioniert, zumal das italienische Libretto nirgendwo (auch nicht im gut gemachten Programmheft) übersetzt wird. Klar, Schönheit und Vergnügen beherrschen unsere Spaßgesellschaft, in der Enttäuschung und Zeit, letztlich also die Vergänglichkeit (das Alter), keinen Platz haben. Dass sich das Vergnügen irgendwann tot gelaufen hat und sich die Pulsadern aufschneidet, leuchtet ein, weniger plausibel wird die Bekehrung der Bellezza, die zuletzt wieder im Unschuldsweiß (signifikante Kostüme: Magdolna Parditka) dasteht.</P><P>Da "Il trionfo" ein Oratorium ist, lädt die Regisseurin es - vermutlich aus Furcht vor szenischem Leerlauf - gnadenlos mit Aktion auf. Die Sänger sind permanent in Bewegung, müssen all ihre Einfälle umsetzen. Ein Quäntchen weniger wäre sicher mehr gewesen. Gleichwohl hält sich das aktionsfreudige, junge Quartett tapfer: Als Schönheit nimmt Marina Spielmann mit koloratursicherem Silbersopran für sich ein. Daiva Gedvilaite leiht ihren apart timbrierten dunklen Mezzo der Enttäuschung, Jasmin Bajrovic ihren leichteren, flexiblen dem Vergnügen. Und Arpad Vulkan stattet die Zeit trotz Indisposition mit hellem, schmiegsamem Tenor aus. Das auf historischen Instrumenten musizierende Orpheus Ensemble München (zwei Violinen, Viola, Cello, Laute, zwei Oboen, Cembalo, Orgel) spielt unter Marcus Sterks Leitung animiert, wenngleich nicht immer sauber.</P>

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