"Schluss mit dem Schema F!"

Museum Villa Stuck: - Die Villa Stuck erinnert an Jan Tschichold, einen der wichtigsten Grafiker und Typografen der Moderne. In München schuf er die Plakate für das Kino Phoebus-Palast in der Sonnenstraße.

Das Museum Villa Stuck lockt bei schönem Wetter besonders mit seinem bezaubernden Garten und neuerdings mit einem Café. Darüber sollte man nicht die jüngste Ausstellung vergessen. Unter dem Motto "Schluss mit dem Schema F!" zeigt das Haus "Jan Tschichold - Das Plakat der Moderne und die Neue Typografie". Stuck war ja selbst nicht nur Maler, sondern auch Gestalter. So widmet sich das Museum immer wieder dem Design.

Jan Tschichold (1902- 1974), als Johannes Tzschichhold in Leipzig geboren, lernt auf der Akademie von Kalligrafie bis Buchbinderei alles und bildet sich ständig weiter. Der Kontakt mit der Bauhaus-Moderne gibt den Anstoß zu Neuem. In der Münchner Ausstellung ist zunächst noch die grundsolide Schrift für die Insel-Verlag-Aufmachung zu sehen. Daneben erste Versuche, aus der Symmetrie und der gewohnten Typografie auszubrechen. Dazu kommen, eindeutig inspiriert vom Konstruktivismus, ruhige Farbflächen, die oft diagonal ins Grundrechteck gesetzt und nur durch Fotografien ergänzt werden. Tschichold ist so überzeugt von seinem "System" der Verdeutlichung, der Klarheit für den Betrachter, dass er mit Texten, Büchern und Lichtbildervorträgen vehement dafür wirbt. Außerdem sammelt er Kollegen-Plakate als Anschauungsmaterial - heute seltene Stücke von El Lissitzky, Kurt Schwitters oder Willi Baumeister. All das ist in der Schau gut nachvollziehbar.

1926 zieht Tschichold nach München, ‘27 geht er an die gerade entstandene Meisterschule für Deutschlands Buchdrucker. Sein Form- und Sendungsbewusstsein bleibt aber nicht im Lehrersein stecken. Der Typograf entwickelt in München zum Beispiel den unverwechselbaren Werbe-Auftritt des Phoebus-Palastes, des damals größten deutschen Kinos. Diagonal, wie es Tschichold liebte, schneidet eine Plakat-Wand den obersten Ausstellungssaal. Dort versammeln sich die Poster für "Laster der Menschheit" mit Asta Nielsen oder "König Harlekin" mit Vilma Banky. Für die Nazis gehört solch eine Formensprache zur "entarteten Kunst". Tschichold verliert sein Schulamt und emigriert in die Schweiz. Als er entdeckt, dass "seine" Typografie auch von den Nazis benutzt wird, wendet er sich wieder den klassischen Schriftarten zu, was seinen Erfolg und Ruf, ob in der Schweiz, ob in England, nicht schmälert.

Bis 16. September

Tel. 089/ 45 55 510

Katalog: 35 Euro

www.villastuck.de

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