Projektionen statt gemalter Barock-Realismus: Das starke „Ariodante“-Ensemble mit (v.li.) Gudrun Sidonie-Otto (Dalinda), Martina Koppelstetter (Polinesso), Mandie de Villiers-Schutte (Ginevra), Tobias Schlierf (König) und Olivia Vermeulen (Titelrolle). foto: hermann posch

Schmaler Geldbeutel, reicher Barock

München - Mehrfach hat das unabhängige Ensemble Così facciamo bewiesen, wie man mit schmalem Geldbeutel, Erfindungsgabe und guten Künstlern gegen die Supertanker besteht: Kobie van Rensburgs intelligente Inszenierung von Händels „Ariodante“ ist im Münchner Cuvilliés-Theater zu sehen.

von Markus Thiel

Luftlinie zum Reichtum sind es vielleicht hundert Meter. Zum Münchner Nationaltheater, wo ein Opern-Akt womöglich so viele Euro kostet wie diese ganze Produktion. Ein Totschlagargument, gewiss. Aber wenn nun Fans auf Barock-Entzug im Cuvilliés-Theater sitzen, um - endlich - wieder eine Händel-Premiere zu bejubeln, dann drängen sich solch lästerliche Budget-Gedanken einfach auf.

Mehrfach hat das unabhängige Ensemble Così facciamo bewiesen, wie man mit schmalem Geldbeutel, Erfindungsgabe und guten Künstlern gegen die Supertanker besteht. Händels „Ariodante“ setzt dem noch eins drauf. „Schuld“ daran ist Kobie van Rensburg. Der ist im Erstberuf Tenor und tritt hier als Regisseur, Bühnenbildner, Übertitel-Übersetzer („Schnauze!“) und Projektions-Künstler auf - und hat offenbar nur deshalb nicht noch die Titelrolle übernommen, weil die nun wirklich nicht zu seiner Stimme passt.

Der schmale Geldbeutel beflügelt. Statt Zierrat gibt es eine Leinwand, auf die allerhand projiziert wird. Die Schauplätze (Kirchen, Treppenfluchten, Fassaden) oder die deutschen Übertitel, die in verschiedener Weise angeordnet sind, auch mal „hereinfliegen“ und so eine eigene Ästhetik entfalten. Der gemalte Realismus des Barocktheaters ist also stets präsent: Van Rensburgs Projektionen und Animationen transportieren ihn auf intelligente Weise ins Heute. Virtuos bewegt sich die Aufführung zwischen dem tödlichen Ernst des Dramas (Dirigent Hans Huyssen wird von Polinesso mit vorgehaltener Pistole zur Ouvertüre gezwungen) und seiner ironischen Kommentierung: Ariodante, einmal ganz (Ba-)Rockstar, klatscht rhythmisch - und die Premierengemeinde mutiert prompt zum Musikantenstadl.

Die Geschichte des Ritters Ariodante, dem der böse Polinesso die Königstochter Ginevra ausspannen will, gibt’s dabei als zweieinhalbstündige Kurzfassung. Mit kundiger Skalpellführung haben van Rensburg und Huyssen Arienteile, manchmal auch nur ein paar Takte herausoperiert, die Partitur auch geringfügig umgestellt. Anfangs klingt das nach amputierter Digest-Fassung, wirkt aber nach der Pause ausgeglichener. Als so poetisches wie witziges Haupt-Requisit reichen Schirme. Sie werden zu Schutz, Versteck, umgedreht zum Lüster-Ersatz oder, auf einen Stab montiert, zur „Lanze“. Entscheidend ist also nicht die szenische Verkleidung, sondern das fantasievolle Spiel mit wenigen Zeichen. Besonders aber ein starkes Ensemble, allen voran Olivia Vermeulen in der Titelrolle. Eine Mezzosopranistin mit starker, natürlicher Ausstrahlung und biegsamer, raumgreifender Stimme, die Aufmerksamkeit geradezu an sich saugt. Martina Koppelstetter ist ein Polinesso der leisen Boshaftigkeit, auch der unverhohlenen Erotik. Mandie de Villiers-Schutte gestaltet die Ginevra (auch vokal) als selbstbewusste, etwas herbe Frau, Gudrun Sidonie-Otto bildet als lyrische, klangschöne Dalinda den Gegenpol. Bei Tobias Schlief (König), besonders beim dezenten Stilisten Robert Sellier (Lurcanio) keimt keine Sekunde der Gedanke auf, sie seien nur in Nebenrollen aktiv. Und im Graben lässt Hans Huyssen das kleine Ensemble auf Originalinstrumenten so farbenreich, so risikolustig spielen, dass ein paar fliegende Späne gar nicht stören.

Dass sich alle in ihren Rollen nicht nur wohlfühlen, sie vielmehr bis zur kleinsten Geste und zum kürzesten Augenaufschlag leben, macht den Charme dieser Aufführung aus. Nach Monteverdis „Poppea“ beim Landestheater Niederbayern und nun nach „Ariodante“ sind also die Gegenargumente ausgegangen: Warum eigentlich sollte Kobie van Rensburg nicht an einem der Münchner Stammhäuser inszenieren?

Weitere Vorstellungen:

4. und 5. Februar;

Telefon: 089/ 55 96 86 13.

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