Da schmatzt der Weinkenner

- "Gauguin, van Gogh bis Dalí - Folkwang: Erstes Museum der Moderne": Die Ausstellung in der Münchner Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung hat das Zeug dazu, einen ähnlichen Begeisterungs(an-)sturm auszulösen wie die MoMA-Schau in Berlin. Denn Folkwang lockt mit einem wirklich üppigen Panorama (frei geworden, weil in Essen für eine Cézanne-Exposition Platz geschaffen werden musste) von wunderbaren Werken der klassischen Moderne: ob Gemälde oder Zeichnung, ob Grafik oder Plastik.

<P>Erstes Museum der Moderne</P><P>Und all das ist wesentlich durchdachter und optisch faszinierender präsentiert als die Exponate aus dem New Yorker Haus in der Neuen Nationalgalerie. Denn Folkwang-Direktor Hubertus Gaßner, der vorher am Haus der Kunst Ausstellungen entwickelte, zeigte sich bei der Ausleihe nicht nur enorm generös, wie Kunsthallen-Chef Johann Georg Prinz von Hohenzollern dankbar anmerkte, sondern versuchte auch, das überaus reizvolle Konzept des Museumsgründers Karl Ernst Osthaus in München spürbar zu machen (Kuratoren: Christiane Lange, Mario-Andreas von Lüttichau). Das ist der ganz entscheidende Gewinn dieser Präsentation.</P><P>Osthaus (1874-1921), finanziell ausgesprochen gut gepolstert, sammelte gern und viel. Naturkundliches, Kunsthandwerk und freie Kunst - der Mann hatte ein ganzheitliches Weltbild. Und mit dieser Leidenschaft für neue Architektur (Arbeitersiedlungen, Bauhaus), für anderes Wohnen (Möbel, Werkbund), für alle Künste bis hin zum Tanz war er einer der Protagonisten der Reformbewegung der letzten Jahrhundertwende und hatte viel Einfluss. Seine Freiheit im Denken und des Handeln befähigte ihn außerdem dazu, vor allen anderen die damals topaktuelle Kunst zu kaufen. So erwarb er van Gogh genauso wie Monet, Rodin wie Beckmann, Marc wie Gauguin. 1902 wurde in Hagen das Folkwang-Museum eingeweiht. </P><P>Der Name entsprach der damaligen Germanen-Mode: "folkwangar" ist die Halle der Göttin Freya, Halle des Volkes. 1929 wurde dann in der Stadt Essen, deren Bürger und Firmen sich für die Sicherung der Sammlung eingesetzt hatten, das neue Folkwang-Museum eröffnet. Katastrophal traf die Nazi-Zeit das avantgardistische Haus. 1000 Werke wurden eliminiert. </P><P>Trotzdem empfindet man auch heute in der Hypo-Kunsthalle die Frische dieses "ersten Museums der Moderne". Insbesondere weil nicht nur kanonisierte Bildwerke, also solche mit den höheren Weihen kunstgeschichtlicher Lehrbücher, ausgestellt werden, sondern auch Überraschungen. Zu denen zählen zum Beispiel Maurice Denis' preziöse "Madonna mit Kind", ein Gemälde, das mit Naivität spielt, aber eine ausgefeilte Komposition von Rahmungen und Umfassungen ist, oder Emil Noldes sprühende, witzige Lithografie "Diskussion". </P><P>Zu ihnen zählen gleichfalls die erfreulich vielen dreidimensionalen Stücke, die eben nicht allein von George Minne oder Ernst Barlach sind, nicht nur von Rudolf Belling oder Otto Gutfreund, sie stammen vielmehr auch von einem Töpfer des antiken Iran, einem altägyptischen Bildhauer, einem attischen Vasenmaler, einem nigerianischen oder japanischen Holzschnitzer, einem Künstler aus Papua-Neuguinea. </P><P>Wenn also die exquisiten Nô-Masken vom teiggesichtigen "Jungen Schlemmer" bis zum "Weinkenner", der eine wunderbar überspitzte Verkoster-Schnute zieht, auf Paul Cézannes friedvolles "Haus auf bewaldeter Anhöhe" schauen, auf Vincent van Goghs unglaubliches Smaragdgrün, in dem seine "Rhonebarken" schwimmen, oder auf seinen von nervösen Strichen durchflimmerten "Irrenhausgarten von Saint Rémy", dann entsteht da ein anregender, bisweilen komischer Dialog. Aber niemals ein störender. Das chinesische Bronzegefäß (Kuei, 9. Jh.v.Chr.) von archaischer Kraft und Bodenständigkeit passt genauso problemlos zu Paul Gauguins Szenen aus der Südsee wie die bunten andalusischen Fliesen-Ornamente aus dem 16. Jahrhundert. Fast ist man enttäuscht, wenn manchmal einige Objekte in ein Kabinett separiert werden und sich nicht unter die nur scheinbar wildfremden Kollegen mischen dürfen.<BR><BR>Ein Pantheon der großen Künstler</P><P>Das sind so ziemlich alle von Rang und Namen: von Alexander Archipenko bis Félix Vallotton, Georges Braques bis Karl Schmidt-Rottluff, Paul Klee bis Pablo Picasso, August Macke bis Edvard Munch. Geführt wird der Besucher durch diesen Pantheon chronologisch vom Postimpressionismus bis zur Foto-Kunst mit exemplarischen Blättern von Edmund Kesting, Man Ray - er zeigt die Malerin und Picasso-Freundin Dora Maar -, oder László Moholy-Nagy. Untergliedert wird der Gang durch die Moderne bis zu den 30er-Jahren in Schwerpunkte wie "Kubisten und Blauer Reiter", "Brücke", "Nolde und die Südsee". Übrigens: Der Gang wird einmalig bleiben, denn die Werke werden Essen nach ihrer Rückkehr wohl kaum mehr in dieser Masse verlassen. </P><P>Bis 9. Januar 2005; Tel. 089/ 22 44 12; Katalog, Hirmer Verlag: 25 Euro.<BR></P>

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