Der Schmeichler aus Alabama

- Die Stimmung ist mies. Es ist 21.15 Uhr in der Olympiahalle, und die schlechte Laune des Publikums steigt. "Coming Home" heißt die Tour, auf der Lionel Richie unterwegs ist ­ wer freilich nicht kommt, ist Lionel Richie. Pfiffe, Buhrufe noch als das Licht ausgeht. Aber dann: Hinter der Bühne erscheint der Entertainer auf der Leinwand, imposant fotografiert, die Hände in den Himmel gereckt.

Kein Buh mehr, dafür spannungsgeladene Atmosphäre. Als schließlich die Scheinwerfer und die Band anspringen und Richie leibhaftig auf die Bühne schreitet, steht die Halle kopf.

Wie sollte man dem 57-Jährigen (der wirkt wie 37) auch lange böse sein? Kaum jemand im Geschäft hat eine ähnliche Gabe, Menschen um den Finger zu wickeln wie der Schmeichler aus Alabama. Seine erste Geste: Er schiebt mit den Zeigefingern die Mundwinkel nach oben. "Lächeln!", heißt die Devise, und den Gefallen tut ihm das Publikum gern.

Mit "Just for you" geht‘s los, die Band spielt geschmeidig den Richie-typischen souligen Radio-Rock, locker gemischt mit rockigem Radio-Soul. Dann stemmt der Zampano die Hände in die vom schwarzen Satin-Hemd umspannten Hüften. "Ich bin total durcheinander." Verwirrt habe ihn, dass er in Kalifornien ins Flugzeug stieg, mit Kleidung für kaltes Wetter im Gepäck. "Als ich ausstieg, war ich wieder in Kalifornien, so warm war es."

Kalifornien ist natürlich überall, wo Richie ist, dafür braucht es keinen Münchner Sommer im April. Denn der Sänger exportiert typisch amerikanische Qualitäten: gute Laune, eisernen Willen zur Party und hartgesottenen Humor. "Ich fühle mich so gut heute", ruft er schweißgebadet, "ich könnte die ganze Nacht durchspielen." Dann pumpt er sich durch "Running With The Night", setzt sich an den Flügel und bietet sehr früh den alten "Commodores"-Klassiker "Easy", den Song mit einem der unbestreitbar lässigsten Gitarren-Soli aller Zeiten.

Auch an diesem Abend gehört die Kommunikation mit der Band zu Richies Konzept. Da werden sich spaßeshalber gegenseitig Fehler unterstellt, oder der Sänger schickt die Band für ein Solo von der Bühne, worauf der Keyboarder in Tränen ausbricht. All das wirkt einstudiert, aber Richie hat den Charme, die Nummern dennoch amüsant über die Bühne zu schaukeln. Genau wie die Songs aus seiner gesamten Karriere: die neue Single "Reason to believe", das zartschmelzende "Three Times A Lady", den Hit "Dancing On The Ceiling". Am Ende hat der Schmeichler doch nicht die ganze Nacht gespielt. Aber die Stimmung, die ist trotzdem großartig.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
Rupert Grint über die Gangsterserie „Snatch“ und sein Entkommen aus der Gefangenschaft des „Harry Potter“-Universums.
„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Eine bessere Sängerbesetzung für diesen neuen „Tannhäuser“ an der Bayerischen Staatsoper lässt sich nicht finden - wohl aber ein besserer Regisseur. Die rituellen Bilder …
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
Franz Ferdinand, Feist und Judith Holofernes sind nur drei Acts, die beim diesjährigen „Summer‘s Tale“ auftreten. Unter Musik-Kennern längst bekannt, ist das Festival …
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie
Das BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons reiste von München nach Hamburg und gab sein Debüt in der Elbphilharmonie. Wir haben dieses besondere Gastspiel begleitet. 
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie

Kommentare