Der Schmerz Afghanistans auf Papier gebrannt

- Eine der berühmtesten Gesten der abendländischen Kunstgeschichte ist die zarte Bewegung, mit der die "Venus pudica" schamhaft ihre Brust vor Blicken schützen will. Heribert Sturm dokumentiert mit einem großformatigen Schwarz-Weiß-Foto diesen "Europäischen Gestus I". Und stellt einen zweiten, sehr ähnlichen und zugleich fürchterlich anderen daneben. Keine zarte Erotik, sondern die Qual der Schutzlosigkeit, die Entwürdigung vor dem Tod spricht aus dem Gestus der nackten Frau, die wir mit Entsetzen wiedererkennen: von Aufnahmen eines Mords an Juden im Zweiten Weltkrieg.

<P>"Spuren und Zeichen" heißt die Ausstellung in der Versicherungskammer Bayern (München, Maximilianstraße 53), die Isabel Siben klug konzipiert hat. Diese Arbeit Sturms zum Beispiel konnte sie beim Lenbachhaus ausleihen. Politisch sind auch andere, die die Spur des Menschen verfolgen. Lisa Niederreiter lässt der Krieg nicht los. In der Serie "Postwar" infiziert sie Harmlos-Häusliches wie ein Kinderhandtuch mit Waffen-Accessoires, etwa mit einem Spielzeugsoldaten. <BR><BR>Nicht so direkt, aber geheimnisvoll vielschichtig sind ihre zusammengenähten Aufnahmen. Fotografie und Röntgenbild werden aufeinander gesteppt - bis der Herzmuskel plötzlich ein Vögelchen im Käfig umschließt. Noch direkter setzt Davide Cantoni die Spur der Vernichtung. Er zeichnet zwar traditionell Szenen der Trauer, der Verwundung, allerdings nicht mit dem Bleistift. Er brennt all den Schmerz von Afghanistan bis Nigeria ins Papier.<BR><BR>Schauerliche Kontraste</P><P>Die Zeichen des Alltags, auch dessen hintergründige Poesie entdecken die anderen Künstler. Schauerliche Kontraste erzeugt Thomas Wrede mit Fototapeten im Heim à` la "Brooklyn Bridge in Frankfurter Küche". Anja Jensen lässt den Betrachter vor durchleuchtetem Gepäck Rätsel raten. Rose Stach erzeugt das mit Absicht, was eigentlich keiner mag, Möbelabdrücke im Teppich. Hier ist Leben wirklich nur noch Spur: ein melancholischer Witz des Seins. Petra Winterkamp behauptet die malerische Position. Feine, durchsichtige Schichtungen treffen auf Schrunden an der Oberfläche der Mal-Paste. Lustig anzuschauen ist Sophie Calles "Chromatische Diät". Sie bezieht sich auf ein Zitat aus Paul Austers "Leviathan". Je nach Wochentag wird in einer Farbe gegessen. Das verwirklicht die Französin mit Gedeck-Fotos in Draufsicht und mit Menükärtchen; etwa: montags "Orange" - "Karottenpüree", "Gekochte Garnelen", "Honigmelone".<BR><BR>Den weltentrückten Part bei dieser "Spurensuche" spielt Hamish Fulton. Seine Werke materialisieren sich eigentlich nicht, denn sie sind lange, stille Wanderungen. Als "Spuren" bleiben nur Fotos, kurze Texte, karge Striche auf zerknülltem Papier, Holzstäbchen. Was gelegentlich "museal" fad ist, wirkt im Foyer der Versicherungskammer sehr elegant.</P><P>Bis 30. Januar 2005, Mo.-Fr. 9-19 Uhr, Sa./So. 10-15 Uhr, Eintritt frei; Tel. 089/ 21 60 26 62.<BR><BR></P>

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