Der Schmerz geht tief

- Wenn an Armin Lehmanns Haus am Meer im US-Staat Oregon Touristen vorbeigehen, nennen sie seinen Hund manchmal den "Nazidog". Und als Lehmann einmal eine Post betrat, fragte ein Mädchen seine Mutter, ob das der "Nazi war criminal" sei. Der Schmerz über das Wort "Krimineller" ging ihm dabei besonders tief.

<P>Armin D. Lehmann war in den letzten Kriegstagen Botenjunge in Hitlers Führerbunker. Er erlebte die Großen des Regimes an dessen Ende aus nächster Nähe, und er hatte zuvor mit einer Hitlerjugend-Einheit am Volkssturm im Osten teilgenommen. Aber ein Nazi war Armin D. Lehmann nicht - er war zum Zeitpunkt der Kapitulation am 8. Mai 1945 gerade einmal 16 Jahre alt. Ab dem Alter von vier Jahren war er der Ideologie der Nationalsozialisten schutzlos ausgesetzt; er hatte nämlich zusätzlich das Pech, dass sein bis dahin glückloser Vater mit Freuden Nationalsozialist und SS-Mann wurde. Lehmann gehört zu der Generation, die damals verblendet und missbraucht wurde.<BR><BR>Armin Lehmann, 1953 in die USA ausgewandert und dann in der Tourismusbranche tätig, hat jetzt die Erinnerungen an seine Jugend aufgeschrieben in dem Buch "Der letzte Befehl. Als Hitlers Botenjunge im Führerbunker": detailliert, anschaulich und erschütternd. Nicht nur wegen grausamster Kriegsszenen, sondern weil es zeigt, wie ein Kind in seiner geistigen Entwicklung und Prägung der Diktatur ausgeliefert war. Wie sein unerschütterlicher "Glaube an den Führer" aufgebaut wurde, genährt noch von einem Vater, der den Sohn für einen "Schlappschwanz" hielt. Als Lehre und Mahnung für junge Menschen, als Tribut an seinen Seelenfrieden hat der Autor dieses Buch verfasst. <BR><BR>Lehmann wurde 1928 in Waldtrudering bei München geboren. Sein Vater, gebürtiger Breslauer, hatte in München studiert und kehrte nach Schlesien zurück, um eine Auto-Niederlassung zu eröffnen. Das Geschäft ging Pleite, "damals begann sein Judenhass", erzählt Lehmann. Der Vater habe geglaubt, von einem Juden übers Ohr gehauen worden zu sein. "Meine Großmutter war allerdings der Meinung, mein Vater sei nun mal kein Geschäftsmann gewesen." Erstaunlich ist, wie genau sich der Autor noch erinnert, an die vielen Umzüge seiner Eltern, Ereignisse aus seiner frühen Kindheit, aber auch an all die Einzelheiten aus dem Organisations- und Überwachungs-Apparat des Regimes, an seine persönliche Verstrickung in die Strukturen von Hitlerjugend und Volkssturm, die sich noch mehr verwirren, je näher das Kriegsende rückt und je chaotischer die Zustände werden.<BR><BR>Daseinsmotto: Nicht hassen</P><P>"Wie eine Fotografie ist meine Erinnerung an manche Dinge. Ich habe alle Gespräche so aufgeschrieben, wie ich sie im Gedächtnis hatte. Daraus wurde so etwas wie ein  biografischer  Roman. Viele Leute haben mir dabei geholfen. Mit vielen ehemaligen Soldaten führe ich eine Korrespondenz. Wenn man dann einen langen Brief mit gemeinsamen Erlebnissen bekommt, wird das Gedächtnis wieder aufgefrischt." Bestürzend war das Bild der Wirklichkeit, das sich dem Halbwüchsigen darbot, als der Vorhang für das "Dritte Reich" gefallen war. "Mein Glaubensgerüst brach zusammen in der Nacht, nachdem Hitler Selbstmord begangen hat. Die Überlegung war: Wenn wir den Krieg mit den versprochenen Wunderwaffen noch gewinnen können, warum wartet der Führer nicht darauf? Aber in dem Moment blieb mir nicht viel Zeit, der Selbsterhaltungstrieb setzte ein." Während Martin Bormann mit HJ-Leuten als Schutzschilde aus dem Bunker gerettet werden wollte, versuchte Reichsjugendführer Artur Axmann den gemeinsamen Ausbruch.<BR><BR>Der Autor wurde dabei verletzt, erlitt zwei kurzfristige Lähmungen der unteren Körperhälfte. Bei der Vernehmung durch einen amerikanischen Aufklärungsoffizier dann die allmähliche Erkenntnis der Wahrheit: "Wir mussten zwei Filme von den Konzentrationslagern Bergen-Belsen und Buchenwald ansehen. Danach habe ich nicht mehr essen und schlafen können. Es gab Landser, die behaupteten, die Filme seien in Hollywood gedreht. Wir Jungen konnten es einfach nicht fassen. Ich habe mich auch gefragt, was gewesen wäre, wenn ich nach meinen Kriegsverwundungen von der SS in einem Lager eingesetzt worden wäre." In Albträumen, so Lehmann, schlage er noch heute nachts um sich. <BR><BR>Jahre später, er schreibt es in seinem Buch, hat er einige Gespräche geführt mit Axmann: "Bei ihm blieb die Welt 1945 stehen. Auf Hitler hat er nie etwas kommen lassen. Er hat immer gesagt, die Jugend hatte mit allem nichts zu tun, und wir haben nichts davon gewusst. Er war ein richtiger Fanatiker, der mir anderseits sein Feldbett anbot." Hassgefühle gegen die Menschen, die ihn derart belogen haben, gestand sich Lehmann trotz allem nicht zu: "Nicht hassen", wurde das Motto für sein weiteres Leben.<BR></P><P>Armin D. Lehmann: "Der letzte Befehl. Als Hitlers Botenjunge im Führerbunker". <BR>Aus dem Amerikanischen von Bernd Rullkötter unter Mitarbeit des Autors. Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach, 416 Seiten; 24,90 Euro.<BR><BR></P>

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