Den Schmerz malen

- Das "Säufer-Baby" liegt auf dem Rücken, knallig pink, und flößt sich selbst den blutroten Saft ein. Es spiegelt sich eine ungeheuere Aggressivität und Tragik in dem Bild wider. Letztlich ist es auch ein Symbol für Stefanie Hoellerings Leben: Die Münchnerin, die immer zwischen exzessiver Freude, Verletzlichkeit und zugleich Brutalität schwankt, ist vor vier Jahren auf einer Malreise in Dakar schwer erkrankt und im Mai 2000 im Alter von 44 gestorben. Mit welcher Hartnäckigkeit sie einerseits die Schattenseiten des Daseins erforschte, wie sie andrerseits mit Leidenschaft südliche Landschaft zu Farborgien werden ließ, kann man jetzt in der Städtischen Galerie Rosenheim (Max-Bram-Platz 2) bei einer Retrospektive sehen.

<P>Angeblich haben die ersten vier Monate im Brutkasten bei Hoellering ein Trauma verursacht, das sie später in Psychoanalysen aufarbeitete. Ihre eigene Geburt stellt sie 1981 als grauweiße Szene mit schemenhaften Gesichtern in einem Bezugschaos dar. Die quälenden Komponenten der Existenz beschäftigen Hoellering in ihrer eigenartigen Verschränkung von Figurativem, Informel, Action und Zeichnung auch weiterhin.</P><P>Dabei findet sie in den 80er-Jahren, vor allem seit der Liaision mit Peter Casagrande 1982, zu immer mehr Farbigkeit. 1983 gründet sie mit Casagrande und dem Bildhauer Peter Schwenk das Künstlerkollektiv Maitenbeth, das sich in der Künstlerwerkstatt Lothringer Straße 13 präsentiert. Einige wenige Werke geben Einblick in diese Schaffensphase, wo auch die ersten, weiß abgedeckten, hintergründigen Collagen entstehen. Generell sind die frühen Bilder immer noch Zeugen eines ständigen Kampfes mit sich selbst: 1985 markiert die zerfurchte "Raucherin", hockend über einem Kippenberg vor leuchtendem Gelb, die vergeblichen Versuche, mit der Geburt des Sohnes ein "besseres" Leben zu führen.</P><P>Die Serie "Polytrauma" ist der nächste Schritt. 1992 trifft Hoellering im Klinikum rechts der Isar auf viele Patienten und setzt ihr erschütterndes Schicksal in Szene. "Die kleine Lösel" am Tropf auf dem Krankenbett zeigt eine Frau im Koma: entblößt und hilflos. Hoellering selbst porträtiert sich '93 als Lulu, als sich beugende, sich opfernde Verführerin aus dem Wedekind-Text. Ein Jahr später dann "Eromania", eine phallische, gewaltdurchsetzte, sicher auch schockierende Serie. 1996 folgen riesige Bühnenbilder mit wildem Gestus, eine Reminiszenz an die abgebrochene Schauspielausbildung und den Hang zu Drama und Pathos.</P><P>Den Ausgleich zu all diesen herben, energiegeladenen, dichten, mit vielen Kürzeln besetzten Großformaten liefern die Landschaften. Vor allem die Italienreisen inspirierten Hoellering zu vielschichtigen Farbflächen mit leisen Andeutungen, zu erstaunlich fröhlichen, schwebenden Kompositionen. Ein strahlendes Ibiza, ein einladender gelber "Honighimmel und Zuckerwatte" (1997), kindliche Fahrräder, "Über dem Sofa - Das Traumboot der Liebe" mit knallrotem Herz laden zum Entspannen ein. Hoellering hat sich hier ein Stück Sehnsucht und auch naive Freude bewahrt. Ihr eigenes Fazit: "Es gibt eigentlich, um glücklich zu sein, nichts anderes als arbeiten und leben."<BR>Freia Oliv</P><P>Bis 29. August, Katalog 22 Euro, Tel. 08031/ 36 14 77. <BR><BR></P>

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