Die Schmerzen der zweiten Generation

- "Ich lasse Gott nicht durch Butterkuchen ersetzen oder durch den Krieg", sagt Mendel zum wohlmeinenden Arzt Vanderbergh. "Allmählich ist alles, was mit Juden und Judentum zu tun hat, verseucht vom Krieg. Das ist unser Bezugssystem . . . Das Judentum ist mehr als sechs Millionen Leichen, viel mehr, fünftausend Jahre mehr, . . . Es gibt Gott, es gibt den Engel des Gesichts, es gibt den Herrn des Todes . . . "

<P>Der Luchterhand Literaturverlag legt mit der deutschen Übersetzung von "Mendels erfenis" Marcel Mörings Debütroman von 1990 nun hierzulande vor. Mörings Kunst der klug dosierten, also ganz und gar nicht ausufernden Erzählweise zeigt sich hier schon wunderbar. Der Roman enthält ungewöhnlich viele Geschichten, psychologische Skizzen, historische Informationen, urbane, aber auch landschaftliche Bilder, philosophische Gedanken, enthält also viel Substanz - und ist doch kurz.<BR><BR>Der Autor setzt anscheinend mühelos seine Hauptfigur Mendel Adenauer, einen jüdischen Niederländer der so genannten zweiten Generation, in ein Koordinatensystem zwischen Gott und Shoah. Obwohl Mendel doch nur ein Abiturient ist, der nicht weiß, was er mit sich und seiner Zukunft anfangen soll. </P><P>Möring arbeitet Schicht um Schicht heraus, wie sehr Mendel Außenseiter in dieser holländischen Gesellschaft geblieben ist, weil sich der Alltags-Antisemitismus als unauslöschlich erweist. Mendel ist aber auch anders, nicht nur weil Großeltern und Mutter im KZ waren (und überlebten), sondern weil er sich dem angeblich normalen Leben nicht anpasst. So sehr, dass er in eine Heilanstalt kommt.<BR><BR>Der Schriftsteller versteckt durchaus nicht Mendels "Krankheit", zeigt sie jedoch gleichzeitig als starke Kraft, die den Menschen Mendel vieles lehrt. Zum Beispiel den klaren Blick auf andere, die ihm nichts mehr vormachen können. Unter all denen fühlt er sich, nachdem seine Familie gestorben ist, nur zu einer hingezogen, zu Anna. Auch sie ein sozialer Solitär, denn sie ist reich und von Adel. Auch sie trägt den Schmerz der zweiten Generation: Der Vater war ein Nazi.<BR><BR>Marcel Möring macht beide - nach einer Durststrecke - zum Paar; und weiß dann nicht so recht, wie er damit umgehen soll. Darf es ein Glück geben? Erlösung durch Liebe? Aber wie das darstellen? So gelingen die Szenen mit Gott, der sich in seiner Einsamkeit mit sich, dem Geist nämlich, unterhalten muss, besser: Der Autor erschafft Mendel. Mendel erschafft sich in der Fantasie Gott, der ihm so ähnlich ist. <BR><BR>Trotz dieser vielfachen Brechung, trotz des Skeptizismus spürt man in diesen Schöpfungsprozessen den Glauben, vielleicht die Hoffnung, dass es irgendwo doch den einzigen, einmaligen Schöpfer gibt: Ursprung und Ziel des Seins. </P><P>Marcel Möring: "Mendel". <BR>Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. <BR>Luchterhand Literaturverlag, München. <BR>222 Seiten, 19 Euro.</P><P><P>Das Buch über unseren Partner amazon.de bestellen: <BR> Marcel Möring: "Mendel" </P> </P>

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