Nur schmückendes Beiwerk

- Der Brite Antony Beevor hat sich bereits mit Titeln wie "Stalingrad" und "Berlin 1945: Das Ende" einen Namen gemacht. In seinem neuen Buch "Die Akte Olga Tschechowa" holt er weit aus, um die Geschichte des deutsch-russischen Filmstars zu erzählen. Mit dem Untergang des Zarenreichs und der Begegnung der Familien Knipper und Tschechow beginnt er und verliert sich bald in einem verwirrenden Geflecht von Personenkonstellationen und Verwandtschaftsbeziehungen inmitten von politischen Umwälzungen.

<P>Olga Tschechowa (1897-1980), geborene Knipper, war die Nichte von Olga Knipper-Tschechowa, die als Schauspielerin am Moskauer Künstlertheater engagiert und mit Anton Tschechow verheiratet war. Beevor schildert historische Vorgänge wie die Oktoberrevolution, die Bürgerkriege in Russland, die Hungersnöte und "Säuberungen"; daneben stellt er die Rolle des Theaters in dieser Zeit und die persönlichen Schicksale der Familienmitglieder chronologisch bis in den Zweiten Weltkrieg dar.<BR><BR>Das Material ist so umfangreich, dass es sich lediglich knapp zusammenfassen lässt. So schafft es Beevor nur vorübergehend, den Leser in seinen Bann zu ziehen. Ansonsten versucht er, seinen eher nüchternen Text mit kuriosen Details aus dem Alltagsgeschehen und mit ironischen Kommentaren aufzulockern, die gelegentlich zum Schmunzeln reizen.<BR><BR>Inmitten des Knipper-Tschechowschen Familiengeschehens kommt die Hauptperson Olga Tschechowa ein wenig zu kurz. Beevor verliert über ihren Lebenslauf nicht wesentlich mehr Worte als über den ihres Bruders, des Komponisten Lew Knipper.<BR><BR>Vom Scheitern der Ehe mit dem Schauspieler Michail Tschechow, einem Neffen von Anton Tschechow, und ihren ersten Erfahrungen in der Moskauer Theaterszene wird berichtet. 1921 wandert die 24-Jährige nach Berlin aus, wo sie zunächst mit Stummfilmen Karriere macht und später, im Reich Adolf Hitlers, zur Staatsschauspielerin gekürt wird.<BR><BR>Ihre politische Rolle wird überschätzt</P><P>Ihre pragmatische Denkweise hilft ihr dabei, sich im Spannungsfeld von Faschismus und Kommunismus der 30er- und 40er-Jahre zu bewegen, die rasch wechselnden politischen Verhältnisse zu ihrem und dem Vorteil ihrer Familie zu nutzen. Die Rolle als Agentin für die Sowjetunion ist hingegen lange nicht so spektakulär, wie der Titel des Buches andeutet.<BR><BR>Es sind vor allem Gerüchte, durch die Olga Tschechowas Beziehung zu Hitler mystifiziert wird, der sie als begeisterter Kinogänger verehrt und für Propagandastreifen wie "Der Fuchs von Glenarvon" oder "Menschen im Sturm" einspannen lässt. Ihre politische Rolle jedoch wird überschätzt, wie Beevor unter anderem anhand von bisher unter Verschluss gehaltenem Material des russischen Geheimdienstes aufzeigt.<BR><BR>"Die Tschechowa" ist lediglich schmückendes Beiwerk des Nazi-Regimes. Sie steht die ganze Zeit über mit Moskau in Kontakt, beteiligt sich aber nicht an Spionageaktionen und an Plänen zu Attentaten auf Hitler.<BR><BR>Antony Beevors "Die Akte Olga Tschechowa" ist im Grunde eine Familienchronik. Und als solche kann man sie gut lesen: Ein Stück Geschichte wird dem Leser anhand von Einzelschicksalen plastisch vor Augen geführt. Darüber hinaus besticht das Buch durch die beeindruckende Fülle an historischem Material.</P><P>Antony Beevor: "Die Akte Olga Tschechowa - Das Geheimnis von Hitlers Lieblingsschauspielerin". <BR>Aus dem Englischen von Helmut Ettinger. Bertelsmann Verlag, München, 287 Seiten; 21,90 Euro.<BR><BR></P>

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