Schmunzeln auf dem Sofa

- Wenigstens ein einziges Mal sollte der betagte Meister sein "heiteres" Mythenspiel genießen dürfen - auch wenn das Hitler-Attentat gerade einen Monat zurücklag, auch wenn Goebbels daher sämtliche Opernhäuser im "Reich" verriegeln ließ.

<P>Dass es "Die Liebe der Danae", diese späte Oper von Richard Strauss, 1944 nur zur Melancholie-umflorten Generalprobe im Alten Salzburger Festspielhaus brachte, ist seither ein gern erzähltes Musikhistörchen. 1952 folgte dort die eigentliche Uraufführung, an die sich die Festspiele nun, ein halbes Jahrhundert später, mit einer Neuproduktion im Kleinen Haus erinnern.</P><P>Geschichtsbewusstsein? Pflichtübung? Gar Rettung fürs Repertoire? Die dritte Möglichkeit scheidet aus: Das Stück, dies lehrt diese gescheiterte Premiere, speist seine Wirkung vor allem aus der Entstehungsgeschichte, weniger aus seiner textlichen und musikalischen Substanz. Zwei Aufzüge lang krampft Strauss in der Maske des konstruktivistischen Neutöners, bevor er sich im Finalakt - endlich - mit süffigster Melodik enttarnt; dazu ein Libretto, dessen Verslein (Joseph Gregor) meist an eine ungewollte "Tristan"-Parodie erinnern; schließlich ein Szenario, das betulich zwischen heiterer Antike und hohem Menschheitsweh pendelt: Dass Regisseur Günter Krämer hierzu keinen Zugang fand, dass seine verschiedenen Ansätze ins Leere liefen, erscheint fast zwangsläufig, entschuldigt indes seinen dürftigen Deutungsversuch keineswegs. </P><P>Krämer nahm das von Strauss beabsichtigte Operettenhafte ernst, versuchte sich anfangs an einer Art lichten Offenbach-Komödie. Also: Midas schwänzelt als penetrant lustige Person über die Bühne, Danae, ganz die abgeklärt Wissende, beschmunzelt alles vom Sofa aus, Jupiters Verflossene becircen ihn erst als nervtötende Bikini-Tussis, später als Schlittschuh-Ladys, ein güldenes Bett im Kornfeld markiert das von Midas herbeigezauberte Gold-Schlafzimmer. <BR>Doch dann wird's ernst und wirr. Krämer rückt Jupiter in den Mittelpunkt, deutet das Stück als Reifungsprozess des Götterchefs. Dazu werden zwei zusätzliche stumme Rollen erfunden: eine knackige, goldene Geliebte (Anja Lais) und die resolute Gemahlin Juno (Traute Hoess), für die sich der geläuterte und tattrige Jupiter am Ende frustriert entscheidet.</P><P>Danae, die schließlich ihren Midas dezent herzen darf und dem einstigen Leichtfuß Jupiter vor geschlossenem Vorhang von wahrer Liebe vorparliert, bleibt da nur eine Katalysatorfunktion: Sie ist während der ganzen Aufführung kein durchgezeichneter Charakter (vielleicht auch wegen der eingeschränkten Spielmöglichkeiten von Deborah Voigt), sondern nur passive Figur, durch die Jupiter seine gescheiterte Casanova-Karriere erkennt. Von einer stringenten Erzählung ist diese unschlüssige Produktion weit entfernt, auch weil Krämers Regie aus vielen kleinen Kommentaren zum Stück besteht, sich nie zum logisch strukturierten Ganzen verdichtet. Dass die drei Akte 1944, 1952 und 2002 spielen sollen, ist zwar dramaturgisch hübsch ergrübelt, wird aber nur aus dem rot gedruckten Programmheft-Hinweis erkennbar. Vielleicht hätte der Regisseur das Werk à la David Alden besser in die schräge Groteske überspitzen oder einer konzertanten Lösung den Vorzug geben sollen.</P><P>Immerhin, für Letzteres hätte dieses Team bestes Potenzial zur Verfügung gestellt: einen präzise agierenden Dresdner Staatsopernchor, ein respektables Sänger-Ensemble und Fabio Luisi, Experte in Sachen hochtourige Italianità, der auch hier die Staatskapelle Dresden an der kurzen Leine und im oberen Drehzahlbereich hielt. Diese dramatisch aufgeputschte Interpretation verzettelte sich nicht im Kleinklein, sondern zeichnete sich aus durch ein kompaktes, scharf profiliertes, oft deftiges Klangbild - manchmal zusätzliches Erschwernis für die Sänger, mussten die doch bereits mit ihren absurd hohen Partien und der schlechten Akustik kämpfen. </P><P>Albert Bonnema entledigte sich der undankbaren Midas-Rolle imponierend, auch wenn sein stechend timbrierter Heldentenor nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen mag. Deborah Voigt, zum Sitz- und Stehtheater verurteilt, gelang das Kunststück, ihren üppigen Silbersopran selbst in Extremlagen strahlen zu lassen. Bemerkenswert war die Textverständlichkeit der Amerikanerin, auch ihre kluge, unaufdringliche Gestaltung - der seltene Fall einer idealen Strauss-Interpretin. Die größten Ovationen heimste Franz Grundheber (Jupiter) ein, der - anders als sein Uraufführungskollege Paul Schöffler - die Rolle im höher notierten Original sang, mit kraftvoll-kernigem Bariton die Szene dominierte und eindrucksvoll die Wandlung Jupiters vom Lebemann im weißen Sommeranzug zum gramgebeugten Frührentner vorführte. Günter Krämer, Gisbert Jäkel (Bühne) und Falk Bauer (Kostüme) sahen sich einem Buh-Bravo-Kampf ausgesetzt.</P><P>Kein Zweifel: Nach Jossi Wielers genialischer "Ariadne" aus dem vergangenen Jahr hat Salzburgs Strauss-Pflege einen empfindlichen Einbruch erlitten. Die "Danae" soll sogar einen neuen Zyklus unter der Ägide von Festspielleiter Peter Ruzicka eröffnen - doch gerade diese Produktion sei eine Warnung: Manches vom Meister funktioniert als Musikhistörchen wunderbar, als Aufführung allerdings . . .<BR></P>

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