Täter flüchtig: Mädchen (11) in München vergewaltigt - Polizei verrät Details

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Premiere

Schnee auf den Seelen

Mutlos: Tina Lanik inszenierte fürs Münchner Residenztheater mit Lambert Hamel Kleists „Zerbrochnen Krug“

Es sind wenige Schritte. Doch sie verraten viel über das, was geschehen wird. Als Eve sich endlich entschließt, zum ersten Mal in den Zeugenstand zu treten, um zu erklären, was geschehen ist in jener Nacht in ihrer Kammer und wie der Krug zerbrach, den ihre Mutter klagend und demonstrativ vor sich herträgt – da sitzt Adam plötzlich nicht mehr auf seinem Richterstuhl. Nur wenige Schritte hat sich Lambert Hamel von der übergroßen Sitzgelegenheit entfernt. Diese Distanz aber räumt den letzten Zweifel aus, dass der Dorfrichter hier über sich selbst Gericht halten muss. Eve berichtet – und jener, der das Mädchen gestern noch um Zärtlichkeiten erpresste, heute aber den Übeltäter finden und verurteilen soll, steht nun selbst wie ein Angeklagter vor dem verwaisten Richterstuhl.

Es sind Szenen wie diese, die Tina Laniks Inszenierung von Kleists „Der zerbrochne Krug“ im Münchner Residenztheater spannend machen. Szenen, die viel zu selten sind. Kleist hat sein Lustspiel klug komponiert, Verweise und Symbole eingearbeitet: Der Dorfrichter heißt nicht ohne Grund Adam, trägt den Sündenfall schon in seinem Namen. Sein Schreiber heißt Licht und wird – angetrieben von Ehrgeiz und Geltungssucht – eben jenes in die Angelegenheit bringen. Licht wird zur Aufklärung des Falls beitragen, weil er hofft, dann selbst auf dem Richterstuhl Platz nehmen zu können. Der Krug, um den hier alle streiten, symbolisiert den guten Ruf von Mutter und vor allem Tochter Rull. Der indes ist hin, seit das Gefäß zerstört ist – Eve hatte nächtens Herrenbesuch. Eine wunderbare Vorlage also mit dankbaren Figuren – und eine Einladung an jeden Regisseur. Tina Lanik hat sie jedoch kaum genutzt. Ihrer Inszenierung fehlt der Mut, und sie wirkt über weite Strecken wie schnöde Pflichterfüllung. Manches gar ist ärgerlich. Aus den beiden Mägden etwa, bei Kleist herzhafte Frauen, macht Lanik ein Doppeltes Sex-Lottchen: Blond und blöd schnatternd stecken sie wie seelenlose Püppchen in knappen, schwarzen Bediensteten-Leibchen, die wohl Altherrenfantasien ansprechen sollen. So funktioniert das nicht. Denn Adams Gerichtsstube ist zwar ein Hort des Gebens und Nehmens, Recht ist hier eine Frage der Bezahlung – doch dieses Gericht ist noch lange kein RTL2 -Sündenpfuhl.

So sind es allein die Schauspieler, die diesem Abend Reiz verleihen: Lambert Hamel lässt den Dorfrichter zwischen Hilflosigkeit und schlechtem Gewissen, zwischen Bauernschläue, krimineller Energie und Geilheit pendeln. Staunend wie ein Kind sitzt er manchmal da auf seinem Sessel und lauscht den Ausführungen des überkorrekten Gerichtsrats. Den Richterstuhl hat Bernhard Hammer viel zu groß gebaut, um die Differenz zwischen dem moralischen Anspruch des Amtes, das die Person innehat, und ihrer Nichtigkeit zu verdeutlichen. Hamel weiß diese Requisite elegant und schlau zu nutzen. Wie zufällig aber sitzt immer wieder der Schreiber Licht auf Adams Platz. Zu Beginn scheucht Hamel Mark-Alexander Solf noch weg wie eine lästige Fliege. Solf spielt Licht als Wendehals, dem sein Ehrgeiz körperlich anzusehen ist. Er windet und dreht sich, umschwänzelt den Gerichtsrat (Rainer Bock). Und je weiter sich sein Vorgesetzter in seinen Lügen verstrickt, je mehr er ins Straucheln kommt, desto häufiger, selbstverständlicher setzt Solf sich auf den Richterstuhl – würdevoller als es Adam je tat. Während Licht ölig über die Bühne aalt, steht Ruprecht mit beiden Beinen wie ein Mann. Shenja Lacher gibt der Rolle des Bauernsohns Würde, der diese auch dann behält, wenn Ruprecht überfordert ist von dem Vertrauen, das Eve einfordert. Lacher zeigt, dass Ruprecht zwar nicht der hellste Kopf ist, aber dennoch das Herz am rechten Fleck trägt.

Barbara Melzl und Anne Schäfer bleiben hinter ihren männlichen Kollegen zurück. Melzl überdreht als Marthe Rull permanent und hysterisch. Sie will diese Figur so unbedingt als eine Karikatur vorführen, dass aller Effekt verpufft. Sie strengt nur noch an. Anne Schäfer kann als Eve nie wirklich klarmachen, dass ihr die Angst um den Geliebten den Mund verschließt. Es sind gerade diese beiden Frauenrollen, die das Problem der Inszenierung offenbaren: Tina Lanik hat keinen Zugang zu Kleists Stück gefunden, der sie selbst – und damit die Zuschauer – überzeugt. Die Regisseurin konnte gar nicht anders, als ihre Schauspieler allein zu lassen.

Dabei beginnt der Abend mit einem so wunderbar dichten, poetischen Bild: Der Dorfrichter liegt da nächtens in einem Berg von Schnee; aus Helmut Neugebauers elektronischem Klangteppich ist deutlich das vor Angst wild pochende Herz Adams zu hören. Dieser Schnee steht für die zwischenmenschliche Kälte, die in Huisum herrscht. Jeder ist dort sich selbst der Nächste und versucht, im Geflecht der Beziehungen das Beste für sich herauszuholen. Verstärkt wird der Eindruck durch die langen, abweisenden Plastikplanen, mit denen die Bühne ausgekleidet ist. Am Ende erst, wenn Adam enttarnt ist, wird Nieselregen den Schnee zum Schmelzen bringen. Tauwetter setzt ein im Dorf – auch in den Herzen der Menschen? Herzlicher Applaus für die Schauspieler, kräftige Buhs für die Regie.

Weitere Aufführungen:

13., 24. 2.; 089/21 85 19 40.

Von Michael Schleicher

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