Mit Schneebesen gekrönt

- Haydn - ja, das sind mehr als 100 Symphonien, Streichquartette, Messen, die großen Oratorien "Jahreszeiten" und "Schöpfung". Aber Oper? Immerhin sind uns etliche erhalten, von denen kaum mehr eine auf der Bühne anzutreffen ist. Umso erfreulicher, dass jetzt Münchens kleinste und originellste Oper eines dieser Schattengewächse ins Rampenlicht gestellt hat: "Il mondo della luna", von Dominik Wilgenbus mit viel Liebe zurechtgestutzt, wurde bei der Premiere in der Pasinger Fabrik begeistert begrüßt.

<P>Mit sicherem Theaterinstinkt schnitt sich Wilgenbus das Goldonis Komödienbeet entsprossene Gewächs zurecht. Der Astronom Eccliticus avanciert bei ihm zum Spielmacher: Er arrangiert auf dem Breitwand-Bühnenpodest einen Versuch und präsentiert ihn dem an Tischen davor hockenden Publikum. Mehr oder weniger wohl gereimt. Aus Goldoni/Haydns Buonafede ist ein Herr von Gutglauben geworden, der zwei heiratsfähige Töchter - eingedeutscht Klara und Helene - hat, sie aber weder dem Mondforscher Eccliticus noch dem zum schwedischen Grafen mutierten Ernst-Olaf geben will.<BR><BR>Da hilft, Buffa-gemäß, nur eine List. Eccliticus gaukelt dem ebenfalls mondsüchtigen Alten mithilfe eines Schlaftrunks einen Ausflug auf den Mond vor, wo Jacob (der Diener des Grafen) als Mondkaiser die Paare zusammenführt: Eccliticus mit Klara, Ernst-Olaf mit Helene und sich selbst mit Liese, der Zofe des Alten. Zuletzt erkennt der betrogene Herr von Gutglauben, dass er seine Töchter nicht bevormunden darf und akzeptiert ihre Wahl.<BR><BR>Regisseur Wilgenbus sorgt dafür, dass das Geschehen sich locker abspult und die Protagonisten die ganze Bühnenbreite samt Treppen, Tapetentüren und Vorbühne nutzen. Dabei wirken sie hochkomisch in all ihrer Gestelztheit und in ihren herrlichen Kostümen. Besonders auf dem Mond scheint die Fantasie zu Hause: Da werden Wurzelbürsten und Ausstechförmchen zu Epauletten, Ausgusssiebchen zur Ehrenkette und ein Schneebesen zur Krone. Hier wird mit den einfachsten Mitteln gezaubert. Auch Sandra Linde genügen ein Weltall-Prospekt, zwei Vorhänge und eine drehbare "Ahnengalerie" an der Stange, um Erden- und Mondwelt zu erschaffen.<BR><BR>Dass auch musikalisch in Pasing nicht alles ganz so ist, wie es im Bücherl von Papa Haydn steht, weiß oder ahnt der Fabrikbesucher. Diesmal arrangierte Alexander Krampe das nicht selten auf Mozart voraus weisende Werk für Streichquintett, Flöte, Klarinette, Fagott, Cembalo und Celesta. Wie immer mit manch witzigem Schlenker. Der temperamentvolle Carlos Dominguez-Nieto lässt mit dem singenden Orchester - es fungiert raum- und kostensparend als Chor - Haydns Funken sprühen.<BR><BR>Und die Sänger stürzen sich voller Spielfreude in ihre Rollen: Oliver Weidinger mit buffonesker Wichtigkeit als von Gutglauben; Michael Braun als schlitzohriger Eccliticus; Tanja Maria Froidl mit angenehmem Mezzo als (gar schwedisch singender) Graf; Sophia Brommer als auftrumpfende Klara; Anna Silvia Lilienfeld als höchst komische Helene; Katharina Fuhrmann als robuste Liese; Thomas Hohenberger als Diener Jacob mit "Herren-Bass". Oper einmal anders, aber immer unterhaltsam. Das ist das Pasinger Erfolgsrezept - auch bei Haydn.</P><P>4. Juni bis 31. August, Mi.-Sa. jeweils 20 Uhr, Tel. 089/ 82 92 90 79.<BR></P>

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