Schneeschmelze

- Langsam aber sicher avanciert Intendant Sir Peter Jonas zum unfreiwilligen Schreckgespenst der Bayerischen Staatsoper. Jedes Mal wenn er die Bühne betritt, gibt's neue G'schichterln vom Streik; und meistens keine guten. Jetzt hat die Staatsoper "La traviata" wieder ins Programm genommen, und zur Verblüffung aller meldet Sir Peter: Ver.di legt Verdi keine Steine in den Weg, mit Hilfe der nicht streikenden Belegschaft kann Günter Krämers Inszenierung von 1993 weitgehend originalgetreu die Bühne passieren. Bei einer Violetta wie der von Anja Harteros hätte man zur Not aber auch auf jeden Mummenschanz verzichten können.

Harteros sang an diesem Abend zum ersten Mal die Rolle der schwindsüchtigen Kurtisane am Münchner Nationaltheater und war dabei so anrührend, so bezaubernd, dass sie den Schnee vor der Türe hätte zum Schmelzen bringen können. Anja Harteros: ein Stimmwunder, das gerade in dieser Partie den Vergleich mit der jungen Ilena Cotrubas herausfordert. Auf der Skala der Nuancen findet sie für jedes Gestaltungsmoment die richtige, leidet samtig hauchend, liebt mit gefühlvollem und warmem Timbre - und verblüfft, wenn das Neurotische ihrer Figur zum Ausbruch kommt, wenn sie beinahe schreit. Aber wie schön!

Neben einer so starken Violetta zu bestehen, ist eine Herausforderung für jeden Tenor. Piotr Beczala, der an diesem Abend sein Staatsoperndebüt gab, stellt sich ihr, und Dank seiner hervorragenden Stimme schafft er als Alfredo den passenden Gegenpart zu Anja Harteros. Auch er weiß, die Zerrissenheit und die Unruhe seiner Figur sängerisch überzeugend umzusetzen, ohne auf Schönklang verzichten zu müssen. Strahlende Höhe und eine tiefgründige, raumgreifende Mittellage sind seine Markenzeichen. Seine Duette mit Harteros dürften derzeit zu den Highlights des Hauses zählen.

Ein wenig schwächer Paolo Gavanelli (als Störenfried Giogio Germont), dessen Bariton zwar kraftvoll, aber auch ein wenig rau erschallt und der gerade im oberen, für Verdi so wichtigen Register nicht immer ganz rein intoniert.

Ansonsten: hervorragende Chöre, einstudiert von André´s Má´spero, und ein aufmerksames Staatsorchester unter Zubin Mehta, der um keine musikalische Pointe verlegen war.

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