Wie schnell einer die Pirouette dreht

- Seine Großmutter ließ kühn Mann und Sohn in Rumänien zurück, um in Italien Gesang zu studieren. In den USA, wieder mit der Familie vereint, machte sie als dramatische Sopranistin Karriere an der New Yorker Met. Ihr Sohn, obgleich auch musikvernarrt, wählt in den schwierigen 40er-Jahren den Medizinerberuf. Mehr Künstler-Glück hat der Enkel: Myron Romanul, seit zwei Spielzeiten Gast- und ab sofort mit 40 Vorstellungen pro Saison fester Haupt-Dirigent des Bayerischen Staatsballetts, steht zur Saisoneröffnung an diesem Donnerstag am Pult für die Wiederaufnahme von John Neumeiers "Nussknacker". Im Münchner Nationaltheater tanzt Maria Eichwald die Marie.

<P>Romanul ist ein erst elfjähriger Stöpsel, aber debütiert schon als Solopianist beim Boston Symphony Orchestra. Verpflichtungen am Flügel begleiten auch seine Dirigenten-Laufbahn von Bostons Lyric Opera und dem Boston Ballet Orchestra bis zum Stuttgart Ballett und den Theatern in Karlsruhe, Mainz und Essen. Was ihn am meisten entflammt, ist "das kreative Verhältnis von Orchester und Bühne". Unüberhörbar, dass er mit Bühnensinnlichkeit an Musik herangeht. Unter seinem Stab kriegt John Crankos "Der Widerspenstigen Zähmung" den optimalen, mitreißend-komödiantischen Puls. "Ein rhythmisch sehr anspruchsvolles Ballett. Viele Taktwechsel, die Melodie fließt von einem Instrument zum anderen. Man muss auf jeden Musiker ein Auge haben, darf keinen falschen Einsatz geben."</P><P>Kann man denn da überhaupt noch auf die Tänzer Acht geben? Romanul: "Die Bewegung oben auf der Bühne schwingt im Blickfeld mit. Und ich weiß genau, bei welchem Solisten ich etwas verlangsamen muss. In Boston habe ich in vier Wochen 50 Nussknacker-Vorstellungen dirigiert, mit fünf-, sechsfacher Solisten-Besetzung. Ich bin gewohnt, nur einmal hinzuschauen, um zu wissen, wer wie schnell eine Pirouette dreht."</P><P>"Ballettdirigent - in<BR>Europa ist das ungefähr so<BR>etwas wie Barpianist."<BR>Myron Romanul</P><P>Neumeiers "Nussknacker" ist neu für ihn, eine auf Degas-Ballett-Atmosphäre hin modernisierte Version. "Das ist schon ein bisschen schwierig, denn Tschaikowsky hat ein Weihnachtsmärchen komponiert. Es riecht ja richtig nach Tannenduft und Gebäck", schmunzelt Romanul. "Außerdem gibt es ein paar Stellen, in die Neumeier sehr viel hineinchoreographiert hat. Da muss ich versuchen, das Tempo zu halten, damit der Tänzer auch Zeit genug hat, all diese kleinen Schritte zu machen, und nicht hingewischt, sondern klar und präzise artikuliert. Es ist immer ein Geben und Nehmen. Im ersten Akt gibt es ein Accelerando. Da das Ensemble gerade erst aus dem Urlaub zurück ist, bin ich eher noch behutsam. Also man folgt oder führt, ganz ähnlich wie in der Orchesterarbeit."</P><P>Zündet darüber hinaus auch manchmal Inspiration, ähnlich der von Tänzer zu Choreograph? "Lucia Lacarra (Primaballerina Louise) ist eine sehr lyrische Solistin, mit schönen langen Linien. Und natürlich möchte ich ihre Qualität, ihren Ausdruck mit meiner Musik noch besser herausbringen."</P><P>Inspiriert scheint Romanul auf jeden Fall, wenn er als musikalischer Berater gefragt ist, wie jetzt für Ballettchef Ivan Liskas "Dornröschen" (1. 12. 03). "Die original Petipa-Stellen bleiben erhalten. Für alles, was Handlung und Pantomime betrifft, suchen wir aus Tschaikowskys Ur-Partitur - sie wird ja nie ganz verwendet - geeignete Musiken." Man darf also einige Neuerungen erwarten.<BR>Sicher auch noch einiges von Romanul, der zwischen dem Fairbanks Summer Arts Festival und dem Staatstheater Ankara nicht nur für Ballett unterwegs ist. "In Europa rangiert man als Ballettdirigent ganz unten, so ungefähr wie ein Barpianist", lässt er die erlebte Diskriminierung raus. Aber in München - verheiratet mit einer Münchnerin, Cellistin am Staatstheater Stuttgart - fühlt er sich an einer wichtigen Etappe angekommen: "Das Nationaltheater hat einfach eine Klasse. Und ich kann hier auch Oper dirigieren." Im Frühjahr wird's "Madame Butterfly" sein, "eine Lieblingsrolle meiner Großmutter", fügt er nicht ohne Stolz hinzu.<BR></P>

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