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Großartige Darsteller, denen die Regie zu wenig vertraut: Sophie von Kessel und Guntram Brattia übernehmen fast alle Figuren.

Premierenkritik

Schnitzlers „Reigen“: Viel Lärm zum Sex

München - Patrick Steinwidder inszeniert fürs Staatsschauspiel Schnitzlers „Reigen“ als derben, schmerzhaft lauten Totentanz. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

Das Bayerische Staatsschauspiel treibt die Geschlechterfrage um. Während Tina Lanik zur Spielzeiteröffnung in Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ die selbstbewusste Frau entdeckte, nimmt Patrick Steinwidder nun im Marstall die französische Umschreibung des Orgasmus als „la petite mort“, als „kleiner Tod“, brutal ernst.

Die Handlung

In zehn Szenen treffen je ein Mann und eine Frau aufeinander. Sie sind unterschiedlichen Alters und aus verschiedenen sozialen Schichten. Im Gespräch umschmeicheln sie einander, weisen den anderen zurück oder necken ihn – bis der Dialog schließlich in Sex mündet. Schnitzler stellt diesen nur durch Gedankenstriche dar. Nach dem Akt trennen sich die Paare rasch, einer der beiden trifft – der Tanzfigur des Reigens nachempfunden – in der nächsten Szene auf einen neuen Partner.

Für ihn ist Arthur Schnitzlers einstiges Skandalstück „Reigen“ (1896/97 geschrieben, 1920 uraufgeführt) ein unbarmherziger, derber und schmerzhaft lauter Totentanz. Den Liebeständel, die erotischen Spielereien, das Anlocken und Abstoßen, das Flirten und Flunkern hat Steinwidder diesen zehn formal streng komponierten Szenen ebenso ausgetrieben wie Dialekt, geografische und zeitliche Verortung im Wien des Fin-de-siècle.

Dagegen ist nichts zu sagen, denn Schnitzlers Gesellschaftsanalyse zielt in dieser Fassung direkt ins Heute. Auch Steinwidders Reduktion des Verständnisses von Sex als Gewalterfahrung (so radikal und abstoßend das wirken mag) ist bedenkenswert. Dennoch macht diese gedankliche Einschränkung seine Inszenierung auf Dauer erwartbar, lässt das Bühnengeschehen allzu eindimensional und ermüdend werden – trotz der relativen Kürze des Abends von nur 80 Minuten.

Doch das wirkliche Problem dieses „Reigen“ ist ein anderes. Denn dem jungen, 1978 geborenen Regisseur scheint es während der Proben nicht gelungen zu sein, seinen Schauspielern zu vertrauen. Statt sich auf Guntram Brattia und Sophie von Kessel zu konzentrieren, die alle Figuren übernehmen (mit Ausnahme des „süßen Mädels“, das Anne Stein spielt), rettet sich Steinwidder in technischen Firlefanz, der die großartigen Leistungen seiner Darsteller beinahe vollkommen überdeckt.

Die Besetzung

Regie: Patrick Steinwidder.

Konzept von Bühne und Kostümen: Bob Bailey.

Bühne: Anneliese Neudecker.

Kostüme: Lili Wanner.

Kampfchoreographie:

Bret Yount.

Darsteller: Guntram Brattia (Soldat/ junger Herr/ Ehemann/ Dichter/ Graf), Sophie von Kessel (Prostituierte/ Hausmädchen/ junge Frau/ Schauspielerin), Anne Stein (süßes Mädel).

Mehr Lautstärke, mehr Lichtblitze und mehr Gewaltchoreographien steigern eben nicht die Intensität seiner Inszenierung, sondern relativieren sie. Wir erleben: viel Lärm zum Sex, kaum mehr. Dabei bergen Brattias und von Kessels Spiel, ihre Fähigkeit, die Figuren innerhalb weniger Augenblicke wahrhaftig werden zu lassen, genug Unbequemlichkeit und Sprengkraft. Doch Steinwidder reicht all das nicht. Er will, dass im Publikum die Ohren bluten – und immer, wenn die Szene in Sex mündet (was bei Schnitzler nur mit Gedankenstrichen notiert ist), lässt er viel zu laute Metal-Musik einspielen, zu der sich im Blitzlichtgewitter die Darsteller gegenseitig meucheln und morden. Mögen diese Zwischenspiele zunächst allein aufgrund des Lärms erschrecken (mehrere Premierengäste gingen vorzeitig; das Theater empfiehlt den Besuch der Vorstellung ab 16 Jahren), wirken sie bald banal und, ja, derart hilflos, dass es nervt.

Dabei hatte Steinwidder eigentlich alles, was es für einen guten Theaterabend gebraucht hätte: Bob Bailey und Anneliese Neudecker haben eine kleine Guckkastenbühne in den Marstall gebaut. Die Darsteller agieren auf einem Berg von (Unter-)Wäsche, der an drei Seiten von PVC-Streifenvorhängen begrenzt wird, wie sie in Kühl- oder Schlachthäusern verwendet werden. In kurzen, schnellen Szenen deklinieren von Kessel und Brattia die Erregungskurven ihrer Figuren durch. Bedrückende Relevanz entwickelt der Abend immer dann, wenn Steinwidder die Schauspieler ihre Arbeit ungestört machen lässt – etwa an jener Stelle, als das Hausmädchen auf den jungen Herrn trifft. Zudem gibt es einen wirklich guten Regieeinfall: In der Szene zwischen Ehemann und dem süßen Mädel, das hier 14 statt wie bei Schnitzler 19 Jahre alt ist, lässt Steinwidder einzig die Köpfe der Darsteller in bildschirmgroßen Rechtecken ausleuchten. Es ist die einzige Szene, in der sich die Schauspieler nicht berühren. Anne Stein suggeriert Nähe mit den einstudierten Posen der Cybererotik. Mehr braucht’s auch gar nicht, um auf Internetsex mit Minderjährigen zu verweisen.

Wenige Szenen später jedoch wird Steinwidder wieder überdeutlich. Das Treffen zwischen Graf und Schauspielerin macht er zur SM-Auspeitschnummer. Das mag passen. Dass sich Brattia aber eine Hakenkreuzbinde überstreifen muss, bevor er an die Kette gelegt wird, und von Kessel ein Pyjamaoberteil anzieht, dessen Streifen in Altrosa an KZ-Häftlingskleidung erinnern, ist derart abgedroschen, einfallslos und dumm, dass es beim Zuschauen wirklich schmerzt.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen am 26., 29., 31. Oktober; Telefon 089/ 2185-1940.

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