Schock führt zu neuem Hellas-Erlebnis

- In unauffälligem Nato-Grün kämpften sie ganz und gar nicht, die Trojaner, die ihre Stadt (in der heutigen Türkei) gegen die anrennenden Griechen verteidigen mussten. Jetzt wissen wir, dass die archaisch-kleinasiatischen Heroen gern ein goldgelbes ,Wams trugen sowie ,Pullover und Hosen, die grün, blau, braun und ocker gerautet waren. Einer der berühmtesten Helden und Frauenhelden, Paris, der Helena entführte, präsentiert diese diffizil designte Couture jetzt in der Ausstellung "Bunte Götter" der Münchner Glyptothek.

<P>In Zusammenarbeit mit den Vatikanischen Museen und der Ny Carlsberg Glyptothek Kopenhagen gelang damit ein hochspannender Schocker. Er erschüttert unsere auf weißen Marmor und dunkle Bronze getrimmten Sehgewohnheiten in ihren Grundfesten. </P><P>Selbst wer weiß, dass die Antike farbig war, kann sich die Buntheit von Architektur und Plastik dennoch nicht vor dem inneren Auge vergegenwärtigen. Die Schau, die sich durch die ganze Glyptothek zieht, bietet eine hervorragende Hilfestellung für ein völlig neues Hellas-Erlebnis. Die farbig rekonstruierten Exponate sind feinfühlig in die einzelnen Säle integriert, zerstören die Gesamtgestaltung des Museums nicht, erweisen sich aber als klug platzierte Widerhaken. In ihnen verfängt sich unsere Denkfaulheit und Fantasielosigkeit, die nichts anderes können, als unser Weltbild anderen Kulturen überzustülpen. Der Höhepunkt ist in der Halle der Ägineten (490- 480 v. Chr.) erreicht, wo der schlangen-gesäumte Schutzmantel der Athena des Westgiebels genauso bunt wiedergegeben wird wie der erwähnte Paris als Bogenschütze. Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt also auf der Archaik und ihren kräftigen Farbtönen. Die werden in späteren Zeiten abgeschwächt, um im Hellenismus (320 - 1. Jh. v. Chr.) zu ganz weichen Schattierungen zu gelangen - oder im Widerspruch dazu zu "Icecream-Farben", wie Vinzenz Brinkmann erklärt.</P><P>23 Jahre Forschung</P><P>Seit 23 Jahren erforscht der Wissenschaftler, der zum Glyptothek-Team gehört, die Farbigkeit antiker Skulpturen. Mit Streif-, UV-Licht, Mikroskop und anderer Technik (Videos zeigen die Mühen) spürt er Farbe auf Marmor auf. Und selbst wenn diese ganz verschwunden ist, hat sie doch Verwitterungsspuren hinterlassen. Vor allem das Ocker griff den Stein an, sodass zum Beispiel die Schuppen des Athena-Mantels sichtbar werden. Pro rekonstruierter Figur braucht Brinkmann ein Jahr,  da  es nicht darum gehen darf, eine Skulptur einfach zu bepinseln. Farbe und Ornament sind eine unauflösbare Einheit, die die Plastizität der Körper beeinflusst. Die Rauten von Paris' Kleidung dehnen oder verjüngen sich je nach Gliedmaßen und Muskelspiel. Aus der Ferne betrachtet, so wie sie der Tempel-Besucher wahrnahm (auch das wird dargestellt), lösen diese Muster Arme und Beine des Helden fast auf: Der Maler spielt raffiniert mit dem Volumen der Skulptur. </P><P>"Die Farben kennen wir", erläutert Brinkmann die Forschung, "auch deren Intensität". Deswegen konnte man, wissenschaftlich abgesichert, sowohl mit Naturpigmenten malen als auch mit den Bindemitteln (Kasein, Eitempera, Enkaustik), die die alten Griechen verwendeten. Bogenschütze Paris bekam obendrein seine Haare aus Metall wieder. </P><P>Die Untersuchung von Farbe und Skulptur hat in München eine lange Tradition, eigentlich seit 1811, als die Giebelfiguren des Aphaia-Tempels auf Ägina gefunden wurden. Im 19. Jahrhundert ging man weitaus entspannter mit der Buntheit der Antike um, ob Klenze, ob Klinger, als die späteren "Puristen". Auch die Glyptothek-Chefs und Archäologen vermieden die Scheuklappen des reinen Marmors, analysierten unvoreingenommen - und versicherten sich des Technik-Wissens aus dem Doerner-Institut (Restaurierung).<BR><BR>Eine großartige Ergänzung der griechischen Werke ist der römische Beitrag aus dem Vatikan. Der aus keinem Lateinbuch wegzudenkende Augustus von Prima Porta gastiert als farbige Rekonstruktion in München. Wichtigstes Signal der Statue, die im gesamten Imperium präsent war: Rot. Einzig dem Kaiser war diese Farbe vorbehalten.</P><P>Bis 29. Februar, Tel. 089/ 28 61 00; das sehr schöne Begleitbuch kostet 22 Euro. <BR><BR></P>

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