Schock und Traum

- Ein bisschen wirkt Christoph Luser so kurz vor der Premiere, als habe er tatsächlich einen Geist gesehen. Der junge Österreicher, der in Graz Schauspiel studiert hat, ist blass um die Nase, mit den Gedanken vielleicht noch in der Probe. "Das ist Wahnsinn." Oder: "So krass war's noch nie." Das sind Sätze, die er häufig verwendet. Wen wundert's, hat der 25-Jährige doch bereits einen Meilenstein der Bühnenkarriere erreicht: In der "Hamlet"-Inszenierung von Lars-Ole Walburg, die morgen an den Münchner Kammerspielen Premiere hat, spielt er den Dänenprinzen.

<P>In weiteren Rollen: Wolfgang Pregler (Claudius), Ulrike Krumbiegel (Gertrud) und Katharina Schubert (Ophelia).</P><P>Ein Meilenstein, dessen Gewicht vielleicht erdrückt? "Der Hamlet ist ein Wahnsinn für jeden jungen Schauspieler. Das ist wie ein Schock und ein Traum gleichzeitig. Ich versuche allerdings, nicht zu viel darüber nachzudenken, das führt nur zur Belastung, zur Handlungslähmung. So geht es ja dem Hamlet auch . . ." </P><P>Und dennoch sinniert er. Welchen Platz ein junger Schauspieler mit seiner Figur im Ensemble einnehmen kann. Fragen von Rebellion oder Anpassung spielen dabei ebenso eine Rolle wie in Shakespeares Stück: "Zu Beginn der Proben ist es schwierig, eine Figur zu behaupten, weil man einfach selbst noch nicht weiß, wohin die Reise geht. Totale Vorstellung oder Planlosigkeit wechseln sich noch ab. Der Weg ist ja bei jeder Rolle anders. Bei meiner zweiten Produktion habe ich mich als totaler Profi gefühlt, eine Produktion später als größter Idiot." </P><P>Im Vergleich zu anderen Hamlet-Darstellern ist Luser außergewöhnlich jung. Als letzter Münchner Hamlet war Oliver Stokowski, in Matthias Hartmanns Inszenierung 1998 am Residenztheater, immerhin 36 Jahre alt. Doch versucht Luser klug, sich davon nicht einschüchtern zu lassen: "Hamlet ist ja ein junger Mann, oder sagen wir: nicht ganz erwachsen. Das ist nicht das Problem. Als ich in Düsseldorf den Alfred aus Horvaths ,Wiener Wald spielte, fühlte ich mich tatsächlich zu jung. Als Hamlet fühle ich mich total jung und uralt gleichzeitig."</P><P>Jetzt also eine Familientragödie. "Ich bin ein absoluter Familienmensch. Ich mag meine Familie und will auch selber eine haben. Gott sei Dank komme ich aus geordneteren Familienverhältnissen, meine Mutter ist nicht mit meinem Onkel abgehauen." Er lacht. "Aber es würde mich ganz schön anwidern, wenn all das, was ich vorher als geborgen empfunden habe, plötzlich so ins Wanken geriete. Shakespeares Stück geht eigentlich von heilen Umständen aus. Hamlet ist aus dem Haus zum Studieren und vielleicht auch froh, zum ersten Mal sein eigenes Leben zu führen, und hat sich noch nie mit der Bedeutung der Familie beschäftigt. Und dann so was!" Und dann was? Was ist es, das einen jungen Menschen an diesem Stoff reizt? "Für mich ist er total heutig, weil ich es bin, der sein Wesen da einbringt. Genau benennen kann ich das aber nicht. Mein Hamlet verändert sich ständig, den kann man nicht einordnen oder global sehen."</P><P>Vorfreude, Spannung und Angespanntheit - der "Überdruck", wie Luser es nennt -, all das ist ihm deutlich anzumerken und macht neugierig auf seinen Hamlet. Wo aber findet einer in seiner Situation noch Entspannung? Da ist Luser auch ganz heutig: "Ich schau' Fußball an, aber nicht im Stadion, das ist mir jetzt zu stressig."<BR></P>

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