Schocks, Schinken und Schikanen

München - Noch einmal zurückblicken aufs ausklingende Jahr: Was war gut, was neu, was darf getrost vergessen werden? Entdeckungen, Überraschungen, Enttäuschungen - im Münchner Kulturjahr 2007 gab es von allem reichlich. Hier unser Rückblick - und wie es sich gehört, in alphabetischer Reihenfolge.

Das ABC des Münchner Theater- und Musikjahres

A wie Asien: Fast zur gleichen Zeit düsen im Herbst zwei Spitzenensembles der Landeshauptstadt gen Osten. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gibt mit Mariss Jansons sieben Konzerte in Japan und zwei in Taiwan und untermauert damit seine Weltklasseform. Die Münchner Philharmoniker gastieren mit Christian Thielemann in Japan, Südkorea und China. Was ungewöhnlich ist, hegt doch Thielemann eine herzliche Abneigung gegen ausgedehnte Dienstreisen. Der Riesenerfolg dürfte ihn kuriert haben.

A wie Anna Netrebko: Zusammen mit Rolando Villazón, damals noch fast im Vollbesitz seiner Kräfte, singt die russische Diva drei konzertante Aufführungen "La Bohème" im Gasteig. Drei April-Abende, bei denen sich die Fans um Karten schier balgen und die beweisen: Die Mimi ist das Beste, was die Netrebko zu bieten hat.

B wie Bresgen, Cesar: Kinderoper hatte sich das Gärtnerplatztheater vorgenommen - und vertraut Ende November ausgerechnet auf einen Nazi. "Der Mann im Mond" ist das Werk eines aktiven Mitläufers, der maßgeblich an der Organisation der Hitlerjugend beteiligt war. Eine instinktlose Wahl.

B wie Baumbauer: Der Intendant der Münchner Kammerspiele gibt Ende Juni bekannt, dass er seinen Vertrag über 2009 hinaus nicht verlängern werde. Mit dieser Entscheidung aus "privaten Gründen" hat er sich lange - eigentlich zu lange, wenn man an die Nachfolgersuche denkt - Zeit gelassen. Für die Stadt München war's ein Schock: Erstens gilt ihr Baumbauer als Garant für überregionales Medieninteresse. Zweitens - woher so relativ kurzfristig einen neuen Mann, eine neue Frau finden?

C wie Cecilia Bartoli: Die temperamentvolle Römerin fährt in München mit dem Lkw vor. Darin Devotionalien ihrer großen Vorgängerin Maria Malibran. Welches Repertoire diese Diva des 19. Jahrhunderts gesungen hat, präsentiert die Bartoli im Dezember beim umjubelten Gasteig-Abend.

D wie "Dogville": Mit der Inszenierung - nach dem gleichnamigen Film von Lars von Trier - erspielt Jochen Schölch im April seinem Metropol Theater in Freimann wieder einmal einen überragenden Erfolg: mit großer Fantasie, einfachsten Mitteln und animierten jungen Schauspielern.

E wie "Eugen Onegin": In Sachen Inszenierung (Krzysztof Warlikowski) und Dirigat (Kent Nagano) floppt Tschaikowskys Seelendrama. Wäre da nicht Lichtgestalt Michael Volle in der Titelrolle: Der Bariton erweist sich als Glückseinkauf fürs Staatsopern-Ensemble. Nicht nur bei dieser Oktober-Premiere, sondern auch beim folgenden "Tristan"-Kurwenal.

F wie Friedrichs: Andrea Friedrichs, Geschäftsführerin des Münchner Deutschen Theaters verlässt im Juni ihren Chefposten. Allgemeines Aufatmen, denn die Fachfrau der leichten Muse hat etwas zu stark ihre eigenen Produktionen lanciert.

F wie Fricke: Der Schauspieler Peter Fricke hat zusammen mit Robert Stadlober den großen Roman von Peter Weiß, "Die Ästhetik des Widerstands", als Hörbuch eingelesen. Eine gedanklich und sprachlich außerordentliche Leistung, die diesen autobiografischen Jahrhundert-Rückblick für den Hörer sinnlich erfahrbar macht.

G wie Gréco: Als Chansonsängerin und große Diva ist Juliette Gréco quasi alterslos und immer noch sensationell: Ihr Münchner Gastspiel im November dient erneut als erstaunlicher Beweis dafür.

H wie Hüller: Sandra Hüller ist die Bühnenentdeckung des Jahres: als Medea in dem aktualisierten antiken Stoff (mit dem saublöden, da unpassenden Titel "Mamma Medea"). Eine junge Schauspielerin, die auf jeglichen theatralen Pomp sowie jedwede verkünstelte Ästhetik verzichtet und deren Darstellungskunst die Spanne eines ganzen Menschenlebens umspannt.

H wie Harzer: Jens Harzers Woyzeck ist das schauspielerische Ereignis 2007 im Residenztheater: radikal, klug, charismatisch, unergründlich in seiner Vielschichtigkeit. H wie Hobmeier: Brigitte Hobmeier, Merkur-Theaterpreisträgerin, hat sich mit den Hauptrollen in "Glaube Liebe Hoffnung" und "Die Ehe der Maria Braun" an den Kammerspielen endgültig in die erste Münchner Schauspielergarde gespielt.

I wie "In mir klingt ein Lied": Im März, kurz vor Ende der Ära von Klaus Schultz, mobilisiert das Gärtnerplatztheater unter der Regie von Claus Guth noch einmal alle Kräfte. Was dabei herauskommt: Eine Hommage an die Operette. Eine liebenswürdige, humorvolle, kluge wie kritische Aufarbeitung der Geschichte dieses Theaters. Und damit eine nicht nur in Deutschland einmalige Produktion.

J wie "Jeremias": Oberammergau im Juni. Christian Stückl, Regisseur der Passion 2010 und Münchner Volkstheater-Intendant, inszeniert auf der Breitwand-Passionsspielbühne Stefan Zweigs biblischen Mammut-Schinken "Jeremias". Zum Üben und Ausprobieren, wie Stückl sagt, für die kommende Passions-Besetzung und zur lohnenden Kunstbelebung seines Heimatdorfes und dessen Fremdenverkehrsverbandes. Eine Aufführung von hohem Erlebniswert.

K wie Ku(s)ej: Martin Ku(s)ej wird im Mai von Kunstminister Goppel als zukünftiger Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels und damit Nachfolger von Dieter Dorn inthronisiert. Ungewöhnlich daran: Der Neue wird ab 2009 immer mal im Residenztheater vorbeischauen, vermutlich auch schon Weichen stellen, ehe er das Staatsschauspiel 2011 ganz übernimmt. Ku(s)ej äußert sich auf der Pressekonferenz nur so weit: "Ich werde neben Dorn nicht sagen, was man alles verändern muss; dazu kommt's schon noch, allerdings später."

K wie Küppers: Alle Augen richten sich erwartungsvoll auf ihn. Am 1. Juli 2007 tritt Hans Georg Küppers sein Amt als Kulturreferent der Stadt München an und hat gleich alle Hände voll zu tun - siehe Deutsches Theater, Münchner Kammerspiele usw. Nach seinem ersten halben Jahr: kaum Grund zu klagen.

L wie Lacher: Shenja Lacher heißt der junge Mann, um den sich das Bayerische Staatsschauspiel kümmert. In München noch ein ganz und gar unbeschriebenes Blatt, überrascht er in seiner jungenfrischen Direktheit im November in der Titelrolle von "Genannt Gospodin" im Marstall.

M wie Marstall und Mariss Jansons: Im Januar werden die Klagen des Dirigenten erhört. Das Bayerische Kabinett befasst sich mit einem möglichen Konzertsaal im Marstall, Ende September wird bereits der Sieger des Ideenwettbewerbs präsentiert. In der Akustikwüste München wäre ein solcher Saal dringend notwendig, nur: Wer soll ihn bloß bezahlen?

M wie Marti, Christoph: Als Albin ist er Mittelpunkt des schrägen, berührenden "Käfig voller Narren" am Gärtnerplatz - und damit hinreißendeste Diva Münchens. N wie Nico Holonics: Man horcht auf, wenn der junge Schauspieler zum ersten Mal im Münchner Volkstheater als Schillers Don Karlos die Bühne betritt. Und sieht beim zweiten Mal genauer hin, wenn er sich als Macduff trotz einer wenig gelungenen Inszenierung stark behauptet. Ein Gewinn fürs Stückl-Ensemble - und vielleicht überhaupt fürs Theater.

O wie Oscar: "Das Leben der Anderen", Florian Henckel von Donnersmarcks Stasi-Drama, erhält im Februar den Auslands-Oscar. Und auch München darf sich ein wenig im Hollywood-Glanz sonnen: Der Regisseur ist Absolvent der hiesigen Filmhochschule.

P wie Peters, Ulrich: Elf Premieren stemmt der neue Intendant des Gärtnerplatztheaters in seiner ersten Spielzeit. Doch vorerst bleibt's bei Masse statt Klasse: "Figaros Hochzeit", "Die lustige Witwe" und "Der Mann im Mond" (siehe auch "B") bescherten dem Mann aus Augsburg einen Fehlstart.

Q wie Qualen: Über die Nöte der Kritiker soll hier nicht geklagt werden. Nur so viel: Der Spaß, der Genuss, die Freude am Theater wiegen die Qualen oder Schikanen, die die eine oder andere Aufführung verursacht, bei weitem auf.

R wie Rosenmüller, Marcus H.: Der Kino-Debütant sahnt bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises im Januar ab. Sein hinreißender Streifen "Wer früher stirbt, ist länger tot" wird als bester Film ausgezeichnet.

S wie Simons: Im März inszeniert Johan Simons an den Kammerspielen eher mäßig Kleists "Prinz von Homburg", im Oktober präsentiert ihn der neue Kulturreferent Küppers als zukünftigen Intendanten der städtischen Renommierbühne. Damit ist der Flame der designierte Nachfolger Frank Baumbauers - freilich erst ab 2010.

T wie Trio: Noch immer wird die Bayerische Staatsoper von einem Dreier-Direktorium geführt, auch wenn ein Mitspieler ausgetauscht wurde: Für Roland Felber rückt Roland Schwab an die Seite von Ulrike Hessler und Ronald Adler, die mit Chefdirigent Kent Nagano die Geschicke des Hauses bestimmen. Eine Übergangslösung - was man dem künstlerischen Ergebnis auch anmerkt.

U wie Unsuk Chin: Ihre "Alice in Wonderland", uraufgeführt zur Eröffnung der Münchner Opernfestspiele, wird von Regisseur Achim Freyer in eine aufwändige Ausstattung verpackt. Dennoch ein dem Anlass kaum angemessenes Werk.

V wie Vatikan: Mariss Jansons und sein BR-Symphonieorchester lassen Ende Oktober beim Papst den Götterfunken überspringen. Benedikt XVI. bekommt Beethovens Neunte als verspätetes Geburtstagsgeschenk.

W wie Wiebke Puls: Sie ist als Schauspielerin immer hochinteressant und erstaunlich. Faszinierend im Oktober die Premiere ihres Monologs vom armseligen Nachtkellner in der "Berliner Geschichte", zu sehen in den Münchner Kammerspielen.

X,Y ungelöst: Drei Fragen würden uns nach diesem Kulturjahr doch noch brennend interessieren: Wann endlich inszeniert Dieter Dorn seinen nächsten Shakespeare? Wagt sich Martin Ku(s)ej im Nationaltheater wirklich an Wagners "Ring des Nibelungen"? Und beschert Fatih Akin mit "Auf der anderen Seite" womöglich Deutschland den nächsten Auslands-Oscar?

Z wie Zehelein, Klaus: Unter seiner Präsidentschaft hat sich die Bayerische Theaterakademie ziemlich gemausert. Und dies vom "bloßen" Ausbildungsinstitut zu einer ernstzunehmenden Spielstätte, ein wenig auch zum konkurrierenden Neben-Opernhaus. Obgleich Letzteres natürlich heftigst bestritten wird.

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