"Es war schön mit Eusch" - Howard Carpendale in der Münchner Olympiahalle

München - Am besten fängt man nach dem Schluss an. Gegen 23 Uhr, als Howard Carpendale sein Comeback-Konzert in der Münchner Olympiahalle triumphal beendet hat und aus der Tiefgarage am Nordeingang gefahren wird, stürzen sich mindestens sechs Dutzend Frauen von 16 bis 76 kreischend auf den schwarzen BMW-Geländewagen.

Wie ein Rudel hungriger Wölfinnen. Der 62-Jährige, der nicht mehr Howie genannt werden will, steigt aus - der gefönte blonde Scheitel sitzt, unbeeindruckt von fast drei Stunden Spotlight, Schweiß und Schunkeln - und schreibt schmunzelnd Autogramme. Ich erlaube mir einer älteren Dame gegenüber die scherzhafte wie törichte Frage: "Was hat der, was ich nicht hab'?" Mich trifft ein mitleidiger Blick - "auf jeden Fall ein dickeres Bankkonto" -, bevor sie sich behände in Richtung BMW davonmacht.

Warum auch immer er aufgehört hat vor fünf Jahren - in dieser Situation wirkt Howard Carpendale so entspannt wie einer, der genau am richtigen Platz ist. Er gehört auf die Bühne, das zeigt dieses restlos ausverkaufte Konzert. Wie er dort mühelos die Fans um den Finger wickelt, beteuert, wie sehr er sie alle vermisst hat und bereits zu Beginn den zentralen Satz sagt: "Isch glaub' nischt, dass Hinsetzen sisch lohnt."

Tatsächlich ist bald Land unter in der Halle, so wonnig wogt die Menge zur Mischung aus neuem Material vom Album "20 Uhr 10" und den großen Howie-Hits. Carpendale steht da, ganz in Weiß inmitten monumentaler Lichtsäulen und einer elfköpfigen schwarz gekleideten Band und tut, was er immer tut: nicht viel - aber mehr als genug.

Carpendale ist und bleibt neben Udo Jürgens der deutschsprachige Schlager-Entertainer par excellence. Er hat nicht Udos Glamour, mag sein. Doch mit sparsamsten Ausdrucksmitteln - besagtem Schmunzeln, leicht geneigtem Kopf, seinem unverbindlichen Old-Boy-Charme und diesem irre gemütlischen weischen Akzent - vermittelt er vor allem eins: Geborgenheit. Er ist ein Zeremonienmeister, der mühelos Elvis und Robbie Williams ins Schlager-Repertoire integriert. Eine ewig junge blondierte Eminenz, die huldvoll Blumen und Geschenke in Empfang nimmt.

Und wer sich gefragt hat, ob es im Mittelgang der bestuhlten Arena wirklich alle vier Meter einen grimmig dreinblickenden Wachmann braucht, der sieht sich eines Besseren belehrt, als nach zwei Dritteln des Konzerts die Stampede losbricht. Eine Horde drängt nach vorne, um zu erleben, wie Howie seinen ersten großen Hit "Das schöne Mädchen von Seite 1" zum ersten mal live singt (zumindest behauptet er das - "isch hab den Text nie begriffen"). Bei "Alice" singt keiner "who the fuck..." (schön!), das bekenntnishafte "Howard" ergreift die Fans, und "Hello again" und "Ti amo" sind genau das: gegenseitige Liebeserklärungen.

Auf zwei Termine, sagt Howie zum Schluss, habe er sich noch vor jeder Deutschlandtour gefreut: auf Köln, wo er wohnte, und auf München. "Das waren Konzerte, die waren so unglaublisch." Genau so sei es heute. "Es war schön mit Eusch."

Dass er kurz davor im Udo-Jürgens-Schlager "Ich war noch niemals in New York" schon wieder vom Abhauen geträumt hat, überhören die Fans geflissentlich. Jetzt, wo sie ihn endlich wieder dort haben, wo er hingehört.

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