Schön, wenn etwas passiert

- Ein Tiger springt schräg über seine Brust. Und Stig Andersen zeigt lachend auf das wilde Tier, das sein schwarzes Sweatshirt ziert: "Ich liebe den Zoo, ich liebe es, Tiere anzusehen, ich könnte zum Beispiel zwei Raben in Kopenhagen stundenlang zuschauen. Wo ich auch singe: Mein erster Besuch gilt dem Tierpark der Stadt." Nein, für seine Rollen profitiere er nicht von diesem Studium. Schließlich krächzt Stig Andersen nicht wie jenes Gefieder, sondern schmettert im Tenorfach Wagners hehre Heldenpartien. Aber als Mensch lerne er viel von den Tieren. Jetzt zum Beispiel setzt er zum großen Sprung auf die Bayerische Staatsoper an. Am kommenden Sonntag singt er hier seine erste Münchner Premiere, die Titelpartie in "Siegfried", dem dritten Teil des "Ring des Nibelungen". David Alden inszeniert, Zubin Mehta dirigiert.

<P>Seit frühesten Sänger-Jahren ist der Däne Stig Andersen mit Richard Wagners Werk vertraut: "Als Student habe ich, um Geld zu verdienen, im Chor der Bayreuther Festspiele gesungen, den Chéreau-Ring mitgemacht und außer ,Meistersinger" alle anderen Opern auch. Das war eine wunderbare Lehre." Aus dieser Erfahrung heraus ist es für Stig Andersen selbstverständlich, die Wagner-Opern unter politischem Aspekt zu betrachten. </P><P>"Bei Wagner geht es meistens um Prinzipien: das Prinzip der Macht, das Prinzip der Liebe. Wenn er das Thema Liebe bearbeitet, wie etwa im ,Tristan", dann ist das eine Diskussion über das Wesen der Liebe und nicht über die persönlichen Erlebnisse der Liebe. So ist auch der ganze ,Ring" eine Geschichte von Macht, Liebe und Hass, Ehrlichkeit und Lüge. ,Siegfried" allein genommen, zeigt, welche Macht man über einen Menschen haben kann, wenn man ihm seine Geschichte wegnimmt. Das macht ihn schwach, man kann ihn manipulieren. Wie Mime es mit Siegfried tut."<BR><BR>Ein Wagner-Sänger, der eine internationale Karriere aufzuweisen hat, kann so recht kein naiver Mensch sein. Woher aber nimmt er dann jene Naivität, die gerade für den Siegfried gebraucht wird? Andersen: "Man muss sie in sich finden. Daran glaube ich. Und es kommt über die Musik. Außerdem fällt es mir nicht schwer, so zu denken wie die Kids von heute. Ich habe vier Kinder zu Hause. Da bin ich also doch sehr nah dran." Und das ist auch der Grund, warum Andersen gern am Wohnort Kopenhagen singt. Am liebsten zusammen mit seiner Frau, der Sopranistin Tina Kiberg. "Glücklicherweise stehen wir oft zusammen auf der Bühne. Demnächst gibt's dort einen neuen ,Ring", da wird sie ihre erste Brünnhilde singen; ich bin Siegmund und Siegfried."<BR><BR>Nein, der wievielte "Ring" diese Produktion dann für ihn sein wird, hat er nicht nachgezählt. "Vielleicht der zwölfte." Und durcheinander bringt er die verschiedenen Produktionen auch nicht: "Aber ich liebe es sehr, wenn in einer Aufführung Unvorhergesehenes passiert - auf der Bühne oder im Orchester. Da entsteht immer so eine andere, besondere Spannung." Etwa bei der "Walküre" zum Münchner Saisonauftakt, wo er kurzfristig für Peter Seiffert als Siegmund eingesprungen ist? Stig Andersen: "Das war für mich herrlich und aufregend zugleich. Ich wurde erst vier Stunden vor Vorstellungsbeginn gefragt, ob ich übernehmen könne. Und ich hatte den Siegmund seit 15 Monaten nicht mehr gesungen . . . Aber ich muss sagen, ich habe die meisten meiner sieben oder acht Wagner-Partien aus dem Stand parat."<BR><BR>Da mag Stolz durchaus berechtigt sein. Doch für Stig Andersen gilt in diesem Beruf der flüchtigen, fragilen Kunst: "Was man gestern wusste, darauf kann man sich heute nicht verlassen. Jeder Tag ist neu. Man kann nie etwas so machen wie beim letzten Mal. Man muss immer wieder von vorn anfangen. Nur darum ist ja dieser Beruf so schön. Sonst würde man es doch gar nicht aushalten, jahrelang dieselbe Partie zu singen."<BR><BR></P>

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