Schönbergs Jugendsünden

- 53 Jahre ist der Mann tot, hat mit zwölftönigen Dogmen die Musikhistorie umgekrempelt - und dann eine Uraufführung Anno 2004? Arnold Schönbergs zehn Walzer, vom Archiv verschluckt und öffentlich nun erstmals von der Camerata Salzburg bei den dortigen Festspielen vorgeführt, sind mehr als eine Jugendsünde des Mittzwanzigers. Wohl 1897 für die Streicher-Amateure der Wiener "Polyhymnia" geschrieben, scheint Schönberg die Strauß-Dynastie zu ignorieren, sich vielmehr der Deutschen Tänze Schuberts, auch der "Liebesliederwalzer" von Brahms zu erinnern.

<P>Zehn kurze Episoden also, die (argwöhnische Gäste atmeten schnell auf) nicht weh taten, deren herbe Harmonik und überraschende Tonartenwechsel, deren melancholisch verschattete Farben und rhythmische Widerborstigkeiten aber auch kein "behagliches" Hör-Erlebnis zuließen. Und gleichzeitig bewiesen, auf welch festem traditionellen Fundament Schönbergs Revolutionen ruhten.</P><P>Als ob Salzburg zeigen wollte, wie Volkstümliches zur Kunstmusik veredelt wurde, so präsentierte sich das Programm des letzten Festspiel-Wochenendes: Zum 100. Todestag Dvorá´ks zelebrierte Nikolaus Harnoncourt mit analytischem Ingrimm und verhaltener Emphase Slawische Tänze, Biblische Lieder und eine Tondichtung. Und während tags zuvor im Großen Haus der "Rosenkavalier" walzerte, wurden im Mozarteum eben jene Dreiviertel-Miniaturen Schönbergs wiederentdeckt.</P><P>Dirigent und Violinist Leonidas Kavakos hatte dieses Konzert mit zwei Mozart-Hits begonnen: mit der ebenfalls tänzerischen "Serenata notturna" KV 239 und mit dem fünften Violinkonzert, wobei er selbst jeweils den Solopart übernahm. Sicher kann man beide Werke frecher, pointierter, auch rhythmisch prägnanter spielen. Die Camerata Salzburg verbreitete dafür eine Atmosphäre gepflegter Munterkeit, das Richtige also für eine Gala-Soirée, zu der auch Kavakos' feines, dezentes, nie auftrumpfendes Spiel passte. Zupackender dann Haydns Symphonie "Der Bär", deren zahlreiche Pointen inklusive Dudelsack-Charme geschmackvoll serviert wurden.</P><P>Andachtsstunde mit Dvorák</P><P>Und auch Harnoncourt sucht ja nie nach dem dankbaren Effekt, nach der schnell herzustellenden "Reißer-Stimmung". Dvorá´ks Slawische Tänze op. 72 gerieten so zum Plädoyer für die Instrumentationskunst des Meisters, für das subtile Raffinement seiner Dramatik. Folgerichtig ließen sich Harnoncourt und die Wiener Philharmoniker Zeit, überhitzten die Musik nicht, sondern behandelten sie äußerst behutsam. So behutsam, dass auch manches schwerfällig wirkte, rasche Tutti-Stellen zuweilen verwischt wurden.</P><P>Zu großer Respekt wurde allerdings den Biblischen Liedern entgegengebracht. Thomas Hampson sang sie klangschön und diktionsgenau, jedoch mit dem pastosen Gestus eines aus Amerika eingeflogenen Predigers. Harnoncourt umkränzte solch Wohllaut noch mit lichter Instrumentalkorona: Andachtsstunde im Großen Festspielhaus - und das nach Dvoráks blutiger symphonischer Dichtung "Der Wassermann". Die erzählt vom bösen Flutenmonster, das aus Eifersucht das Kind seiner Geliebten zerfetzt. Bei Harnoncourt ein genau strukturierter, eher lauwarmer Krimi. Wahrscheinlich war's Totschlag.</P>

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