Schöne, grausame, komische Märchen

Kunstbiennale in Venedig: - Mit überwältigendem Medieninteresse startete jetzt "La biennale di Venezia". Teil zwei unserer Berichterstattung bietet einen Spaziergang durch das Arsenale-Gelände der Weltkunst-Schau.

Viele Kunstvermittler - Kritiker ja genauso - betonen gebetsmühlenartig, dass Kunst Spaß macht, sinnlich ist, eine unterhaltsame Gedankenspielerei, ähnlich wie Rätsel- und Knobelaufgaben auf den Freizeitseiten der Zeitungen. Auch Robert Storr, Direktor der Biennale di Venezia, hebt Sinne, Gefühle und Gedanken in seinem Ausstellungsmotto heraus. Und all das stimmt wirklich... Denn die Biennale ist - wie übrigens auch die am Sonntag startende documenta 12 - ein herrliches Abenteuer. Obendrein familienfreundlich. Man muss die Kleinen nicht durch hehre Museumssäle, in denen sie schrecklich brav sein müssen, schleusen - im Gegenteil.

Im steinernen Meer der Serenissima ist der Biennale-Park, die Giardini, die größte Grünfläche. Kinder können dort ungeniert herumsausen, und das Pavillon-System bietet viel Abwechslung, zumal längst schon Comic, Film, Animation, Klänge und Musik Eingang gefunden haben in die Bildende Kunst.

Der zweite Haupt-Ort der Biennale ist das Arsenale, das erst recht als Abenteuerspielplatz gelten darf. Die Jahrhunderte alten Hallen der Corderie (Seilerei) und Artiglerie der einstigen Seemacht-Flotte des Dogen erzählen faszinierende Geschichten. Neben der Kunst kann man einen Blick riskieren auf Werftanlagen, Hafenbecken und bisweilen auf Kriegs- und Polizeischiffe. Aber Storr baut nicht nur auf die Aura seines zweiten Ausstellungs-Gefildes, sondern er bietet dort auch eine ebenso durchdacht präsentierte Schau wie im Zentralpavillon der Giardini. Im Arsenale jedoch mit einer pointiert persönlichen Haltung. Die ist ausgesprochen politisch. Der Grund mag sein, dass der US-Amerikaner durch den Irak-Krieg besonders sensibilisiert ist - wie es die Europäer bei jener Biennale waren, als der Jugoslawien-Krieg tobte.

Und Storr ist italien-freundlich. Endlich werden einheimische Künstler, die in der Berlusconi-Regierungszeit überhaupt nicht gefördert und sozusagen ausgehungert wurden, wieder angemessen miteinbezogen. Auch der eigene italienische Saal signalisiert den neuen Willen zu Welt-Niveau. Francesco Vezzoli (1971 geb.), der das Kintopp-Vokabular fabelhaft beherrscht (Persiflage auf Hollywoods Römerfilm-"Schinken" bei der Biennale 2005), verspottet mit Hilfe von Sharon Stone als Präsidentengattin den Schwulst der US-Wahlkampfwerbung. Giuseppe Penone (1947), der aus der Arte Povera kommende Künstler, gibt sich mit "Sculture di linfa" (Skulpturen der Lymphe) naturphilosophisch. Mit Lymphbahnen sucht er, was die lebende Welt im Innersten zusammenhält. Baumstämme in Lederkluft, "auf Figur geschnitten", bis sich jede Rinden-Bahn exakt abzeichnet. Dann: Die Rinden-Häute vertäfeln Wände. Weißer Marmorboden. In der Mitte sind dessen graue Adern freigelegt, darüber ein glatt gearbeiteter Balken mit Lymph-Flussbett voll Harz.

Lange bevor der Besucher auf diese Gegensätze trifft, begrüßt ihn Luca Buvoli in der Corderie. Fliegende, fröhlich bunte Teile verwirbeln im Entrée, stimmen einen heiter, bis man merkt: Das Thema "The day after tomorrow" wird angeschlagen, und um diese Gut-Fühl-Installation herum zeigt der Künstler Dokumentarfilme, etwa über den Faschismus in Italien. Dass es im politischen Kunst-Feld zu knalligen Simplifizierungen kommen kann, duldet Robert Storr. León Ferrari (Argentinien) kreuzigt Jesus an einen US-Bomber, Pavel Wolberg (Israel) zeigt einseitig die Aggression der Israelis gegen Palästinenser. Wesentlich Berührender ist da schon Emily Princes (USA) riesige Wandarbeit. Tausende passbildkleiner Bleistiftzeichnungen von in Afghanistan getöteten Staatsbürgern bilden das Staatsgebiet der USA ab. Mit afrikanischer Weisheit und Heiterkeit greift Malick Sidibé (Mali) das Thema Aids in seiner so ästhetisch eleganten wie humanen Foto-Serie "Afrika singt gegen Aids" auf. Sidibé bekam den Goldenen Löwen, die Auszeichnung für sein Lebenswerk .

Storr gibt kritischen Positionen viel Raum: Gewalt/ Krieg, Tod ganz allgemein, Umweltvernichtung oder Ideologien sind die in allen möglichen Medien - bis hin zu Pailletten auf Seide - dargestellten Apokalyptischen Reiter. Wobei auch möglichst viele Betroffene von Bulgarien bis Algerien einbezogen werden. Der Kolumbianer José Alejandro Restrepo projiziert auf ein Schweißtuch der Veronika Fotos von verschleppten Menschen. Auch das Problem, das seit der Cathérine-David-documenta vor zehn Jahren virulent ist, nämlich Moloch Stadt, wird umkreist: mal düster, mal utopisch-poetisch. Ilya und Emilia Kabakov (Russland, USA) ließen vom Modellbauer eine tibetanische Acht-Türme-"Stadt" bauen, die sich mit ihren Kronenzacken um einen Kratersee legt und im Himmel stalaktitisch gespiegelt wird. Das berühmte (Märchen-)Erzähler-Duo schildert zusätzlich in Wort und Bild die magischen Funktionen der Türme - eine Art konkrete Poesie.

Konkret ohne Märchen ist hingegen Valie Exports Stimmritzen-Vierer-Film. Die Altmeisterin der österreichischen Aktionskunst tauchte in den Menschen-Schlund, und dort redet ein befremdliches Wesen auf uns ein. Konkret und wundervoll anzusehen sind El Anatsuis Wand-Plastiken. Müll, und zwar die Metallschraubverschlüsse von Flaschen, verwandelt der Ghanaer in ein archaisches Goldmosaik. Und noch einmal konkret, allerdings flüchtig wie das Sein: Oscar Muños (Kolumbien) zeigt per Film, wie er mit Wasser Porträts zeichnet - und wenn sie trocknen...

Wer noch mehr entdecken und das Abenteuer Biennale über ganz Venedig ausdehnen möchte, wählt damit die Variante Schnitzeljagd. Denn oft braucht es viel Spürsinn und Stadtplan-Lektüre, bis man zum Beispiel den Eingang zur luxemburgischen Dependance gefunden hat. Dafür ist der Kunst-Aufspürer dann einerseits besonders stolz auf sich, andererseits zwitschert‘s und i-aht‘s ganz erstaunlich in dem alten Gemäuer. Und wer kommt schon einfach so in einen venezianischen Palazzo.

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