Die Schöne und der Stiermensch

- Die Münchner Hypo-Kunsthalle bietet in ihrer Sommer-Präsentation unter dem Titel "Das ewige Auge: Von Rembrandt bis Picasso" ein üppiges Kunst-Kaleidoskop mit vielen großen Namen.

Der Minotaurus ist an der Hafenmole in die Knie gestürzt, hält sich nur noch mit den Händen ein wenig aufrecht. Ein Teil des zerbrochenen Schwerts hat seine Brust durchbohrt. Im Schrei öffnet sich sein Mund. Die Augen blicken suchend zum Himmel. Pablo Picasso hat dessen extrem deutlich konturiertes Gesicht ins Zentrum der Gouache (Wasserfarben mit Deckweiß-Beimischung) von 1936 platziert. Dahinter tobt eine Amazone auf einem scheuenden Schimmel heran; und man erkennt einen leicht angedeuteten Stierkämpfer. Diese Dramatik kontrastiert der Maler mit der Stille auf dem Meer. Der Fischer im Boot zieht gerade das Netz ein. Eine schöne Nackte blickt träumerisch durch das Segel.

Eine ganze Reihe von solch bemerkenswerten Picasso-Arbeiten ist jetzt in der Schau "Das ewige Auge: Von Rembrandt bis Picasso" in der Münchner Hypo-Kunsthalle zu sehen. Aber bei Leibe nicht nur die. Viele gewichtige Namen und wunderbare Werke von Albrecht Altdorfer über Antoine Watteau und Edouard Manet bis Francis Bacon und Jean-Michel Basquiat bietet die Ausstellung. Sie stellt die Sammlung Jan Krugier und Marie-Anne Krugier-Poniatowski mit 250 Zeichnungen, Gemälden und Skulpturen vor. Krugier, 1928 in Polen geboren, überlebte als einziger seiner Familie die Schoah. In der Schweiz wurde er von einer Freundin seiner Eltern aufgenommen. Er versuchte sich als Künstler, war mit Johannes Itten und Alberto Giacometti befreundet und wurde schließlich erfolgreicher Galerist in Genf. Mit seiner Frau, einer Künstlerin, kauft er seit 1968 vor allem Arbeiten auf Papier. Im Katalogvorwort schreibt er: "Die Präsentation dieser Sammlung ist eine bescheidene Hommage an die Opfer des Holocaust."

Kurator Roger Diederen hat bei der Gestaltung der Schau konsequenterweise vermieden, das Element des Zufälligen beim Zusammentragen einer Collection zu glätten. Er lässt Ungereimtheiten zu. Setzt auch nicht auf die Chronologie. Daneben jedoch bildet er immer wieder logische Gruppierungen, etwa Räume für Picasso, Klee, Giacometti, die Surrealisten oder ganze Serien mit Bildern von Goya, Seurat, Delacroix oder Cézanne. Er will aber noch mehr: deutlich machen, welche Bezüge das Sammlerpaar unter den doch scheinbar so unterschiedlichen Arbeiten herstellt. Dadurch entstehen immer wieder innige Nachbarschaften.

Die Minotaurus-Gouache von Picasso wird zum Beispiel mit einer strammen Stier-Plastik von ihm kombiniert. Dazu kommen ­ was noch viel schöner und sehr einleuchtend ist ­ eine afrikanische Magie-Skulptur ("Boli") und ein Goya-Bild. Die auch bildhauerisch faszinierende Büffel-Figur ist für die malinesischen Bamana genauso symbolisch aufgeladen wie der Minotaurus für Picasso. Francisco de Goya wiederum ist eine der wichtigsten Referenzgrößen für ihn. Selbst seine klitzekleine Stierkampf-Gouache auf Palisanderholz und einem Elfenbeinplättchen beweist das schlagend. Goya dokumentiert lakonisch und darstellerisch genial das blutige Geschäft der Corrida.

In den Zeichnungen sind die alten Meister ganz modern

Wer durch die in Dunkelrot gehaltenen Ausstellungssäle geht, wird im Übrigen schnell kuriert von dem Vorurteil, dass Zeichnungen nicht "kulinarisch" seien. Viele erlesene Blätter vom späten Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert sind zu genießen. Und man versteht, warum das Paar Krugier sein Herz daran verloren hat. Gerade in den Zeichnungen sind uns die Alten oft sehr nahe. Atemberaubend ist es, wie Rembrandt bei den "Drei Frauen an der Tür" Licht und Dunkel setzt ­ mit lässig hingeworfener, tiefbrauner Lavierung. Was frei bleibt, wirkt als aufleuchtendes Sonnenlicht, während die Frauen als Deckweiß-Linien aufscheinen oder auch verschwinden. Es ist gerade die Dynamik, das Fragmentarische, das Im-Entstehen-sein, die die Zeichnung modern sein lassen. Und über die Jahrhunderte hinweg können wir dem Künstler zuschauen beim Überlegen und Ausprobieren: Sollte die Alte am Türstock ihren Kopf doch vielleicht weiter vorstrecken oder nicht?

Bis 7. Oktober, Katalog: 29 Euro; Infos: 089/ 22 44 12weitere Infos zu diesem Thema finden Sie >>>hier

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
Rupert Grint über die Gangsterserie „Snatch“ und sein Entkommen aus der Gefangenschaft des „Harry Potter“-Universums.
„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Eine bessere Sängerbesetzung für diesen neuen „Tannhäuser“ an der Bayerischen Staatsoper lässt sich nicht finden - wohl aber ein besserer Regisseur. Die rituellen Bilder …
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
Franz Ferdinand, Feist und Judith Holofernes sind nur drei Acts, die beim diesjährigen „Summer‘s Tale“ auftreten. Unter Musik-Kennern längst bekannt, ist das Festival …
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie
Das BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons reiste von München nach Hamburg und gab sein Debüt in der Elbphilharmonie. Wir haben dieses besondere Gastspiel begleitet. 
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie

Kommentare