Die schöne Welt der Verruchtheit

München - Vor 100 Jahren, am 20. Oktober 1907, wurde in Wien das Kabarett Fledermaus gegründet, Höhepunkt der Unterhaltungskunst des Jugendstils. Seine Anfänge aber nahm diese Idealbühne in München. Das Museum Villa Stuck widmet jetzt der Fledermaus eine attraktive Ausstellung.

"Seit einigen Abenden werden die weißen Schwestern gezeigt . . . Hinter goldgelbem Schleier erscheinen zwei nackte, schneeweiß gestrichene Mädchen mit goldenen Gehängen um die Hüften, in anmutigsten Stellungen. Man ist gerührt, ergriffen von dieser idealisierten, in goldenenen Nebeln verhüllten Nacktheit. Alles Sexuelle wird zum Ästhetischen verwandelt, also das Wesentliche der Kunst erreicht."

Derart begeistert berichtete Dichter Peter Altenberg im April 1908 aus dem Kabarett Fledermaus in der Wiener Kärntner Straße. Aufregend und sensationell war, was sich dort im exklusiv ausgestatteten Keller seit Oktober 1907 Abend für Abend abspielte. Kabarett - heute würden wir vielleicht Cabaret dazu sagen - vom Feinsten.

"Eine Stätte, die der Kultur der Unterhaltung dient" - das war der hohe Anspruch der legendären Wiener Werkstätte. Und deren Leiter Josef Hoffmann und Koloman Moser verwirklichten hier ihr Ideal vom Theater: im Gegensatz zum monströsen Pomp der Hofbühnen ein den einfachen Formen verpflichtetes Gesamtkunstwerk, das alle Sinne gleichzeitig anregt und das keine der Künste ausschließt.

Die aktuelle Schau in der Münchner Villa Stuck - eine gelungene Koproduktion mit dem Wiener Theatermuseum - lässt eine Welt wiedererstehen, deren verführerischem Charme man sich nur schwer entziehen kann. Eine Welt der Frechheit und Verruchtheit, des Vergnügens und der Dekadenz - und das alles verpackt in Architektur, Interieur, Literatur, Malerei, Gesang und Tanz. Eine ideale ästhetische Einheit, die freilich nicht lange durchzuhalten war: Schon 1908 stieg die Wiener Werkstätte aus, aber erst 1913 wurde aus dem Kabarett Fledermaus das Revuetheater Femina.

Doch in diesen sechs Jahren hatten in der Fledermaus die kreativsten Künstler zusammengefunden: die Autoren Peter Altenberg, Egon Friedell, Oskar Kokoschka, Alfred Polgar; die Diseusen Marya Delvard und Lina Vetter; die Ausdruckstänzerinnen Grete Wiesenthal und Gertrude Barrison; die Komponisten Leo Ascher und Konrad Scherber.

Aber die Ausstellung erzählt nicht allein von dem Kabarett Fledermaus, sondern auch von seinen Vorgängern - jenen in Wien und vor allem vom Ausgangspunkt München.

Das waren die legendären "Elf Scharfrichter". Gegründet 1901 als Reaktion auf ein verschärftes Zensurgesetz. Angesiedelt im Schwabinger Gasthof "Zum Hirschen" in der Türkenstraße 28 - mit einem Schandpfahl in der Mitte, an den täglich die dümmsten Politikersprüche genagelt wurden. Doch nach drei Jahren war die schaurig-schöne Unternehmung, an deren Spitze Otto Falckenberg, Frank Wedekind, Heinrich Lautensack und Richard Weinhöppel standen, pleite. Und die hier auftretenden Künstler wanderten wegen unerträglicher Zensurmaßnahmen, Verboten und Steuerschulden ab nach Wien. Auch die Diseuse Marya Delvard, deren wie aus dem Schattenreich der Nacht erfolgten "dunklen" Auftritte München leuchten ließen.

Bis 28. Februar 2008: Di.-So., 11-18 Uhr; der ausgezeichnete Katalog: 35 Euro. Zusatzprogramme, u. a. rekonstruierter Tanz am 20.10.; Infos: 089/ 45 55 51 0.

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