Aus schönen Frauenkehlen

- Belcanto anno 2005. Ja, das gibt es wirklich und nicht als beliebtes und bewundertes Relikt aus der Werkstatt Donizettis oder Bellinis, sondern druckfrisch aus der Feder des Florentiners Arnaldo de Felice. "Medusa" heißt die Oper des 40-Jährigen, die am Sonntagabend in der Münchner Allerheiligen-Hofkirche einen interessanten Uraufführungsort und viel Beifall fand.

Entstanden ist sein 70-minütiges Musiktheater als Auftragswerk der Bayerischen Staatsoper, nachdem der Komponist den von der Münchner und Zürcher Oper ausgeschriebenen Wettbewerb "Teatro Minimo" 2000 gewonnen hatte.

Belcanto - das bedeutet edelster Gesang, der hier gleich vier Damen in die Kehle geschrieben wurde. Ähnlich und doch differenziert, mit einer Entwicklung vom zarten Mädchensopran über das Lyrische und Dramatische hin zum satten Alt, der die Höhe nicht scheut, nicht zu scheuen braucht. Vier Entwicklungsstadien einer schönen Frau als die Medusa, die Schlangenhäuptige, ja auch überliefert wird.

Die vier Damen - Stanislava Stoytcheva, Olga Pasichnyk, Sabina von Walther und Cynthia Jansen -, die Regisseur Aron Stiehl auf den Laufsteg schickt, erfüllen als ebenso virtuoses wie klangschönes und ausdrucksstarkes Vokal-Quartett sämtliche Anforderungen der Partitur. Sie sind schlichtweg eine ideale Besetzung. Ihre Timbres klingen verwandt und beglaubigen so durchaus die Einheit der Person. Im Wahn des Mädchens verschlingen sich die Frauen-Stimmen bis hinein in die Worte, bevor zwei Männer-Stimmen dazu treten, zum Duett einladen: Der junge lyrische Bariton Nikolay Borchev als Soldat/ Perseus und der in zeitgenössischer Musik gestählte, intensive Richard Salter als Staatsanwalt.

Obwohl de Felice die sechs Sänger mit ihrer Vokalkunst eindeutig ins Zentrum rückt, fesseln sie nicht nur singend, sondern auch durch ihr Spiel im aktionsarmen Werk. Das liegt einerseits an der bedingungslosen Identifikation der sich musikalisch hörbar wohlfühlenden Sänger - von Dirigent Enrique Mazzola sicher geleitet -, aber auch an Raum und Regie.

Jürgen Kirner nutzt den wunderbaren Kirchenraum perfekt, durchschneidet ihn mit einem Laufsteg, dessen hinteres Ende in das Gerippe einer riesigen, bläulich beleuchteten Alu-Schlange mündet, die sich bis zur Empore hinauf windet.

Am anderen Ende weitet sich eine kleine Plattform vor einer steilen Schrägwand, die als Projektionsfläche - blutige Stadt, Spiegel, Schlangenhaut - dient. Orchester und Zuschauer sitzen recht und links dieser effektvoll beleuchteten (Michael Bauer) Installation, auf der Aron Stiehl die Sänger zum Zuschauer führt oder sie (ins Spielpodest) abtauchen lässt. Sogar Musiker erobern zusammen mit Sprechern die Spielfläche, vereinigen sich kurz zu einem Sprech-Chor, einer italienisch parlierenden Gesellschaft.

Egal, ob man sich nun auf Arnaldo de Felices komplizierte gedankliche Höhenflüge, seine psychologischen Assoziationsgeflechte zwischen Gorgonen-Mythos und Gegenwart einlassen will oder nicht, seine "Medusa" bannt das Publikum, das allerdings vorher ins Programmheft und nicht nur auf die mageren Stichworte an der Kirchenwand schauen sollte. Musikalisch erschreckt er nicht. Das überraschend groß besetzte Orchester wird Belcanto-mäßig delikat und differenziert eingesetzt. Dabei tupfen Blech, Holz und Schlagwerk aparte Farben in den lichten, zuweilen minimalistisch geprägten Satz, den Enrique Mazzola zusammen mit dem Bayerischen Staatsorchester in all seiner Transparenz, rhythmisch präzis auffächert.

Stiehl nutzt die flammende Intensität der Sängerinnen für seine schnörkellose, geradlinige Inszenierung und holt die kopflastige Geschichte auf den Bühnen-Boden. Ohne dabei das Rätselhafte, Geheimnisvolle zu zerstören. Jürgen Kirner hilft, indem er die vier Frauen in identisches Grau-Weiß steckt, wobei die Modelle - vom Kinderhängerchen über Etui- und Cocktailkleid zum antiken Gewand - den Weg der Frau beschreiben: die Liebe zum Soldaten, den die junge Frau verliert. Das Zusammentreffen mit dem Staatsanwalt, der dem Blick der Frau im Spiegel begegnet, dem sie sich im Tanz hingibt und der vor ihren Augen einem Attentat erliegt. Stiehl entführt ihn schlicht ins Licht.

De Felice spielt mit dem Mythos, erinnert in den Spiegelblicken daran, dass das Anschauen der Medusa zur Versteinerung führte. Er lässt die Frau im wiederkehrenden Soldaten die in Stein gemeißelten Züge des toten Staatsanwalts erkennen, verkehrt zuletzt die Position, wenn seine Medusa erstarrt. Und er gönnt der vom Verlust-Schmerz der Liebe zerstörten Frau eine Zukunft. Sie speist sich aus dem Leben, nicht dem Tod bringenden Blutstrom der geköpften Medusa: "Und aus meinen Narben eine neue Welt für jenen Mann."

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