Schönheit ist kein Verrat

München - Die Versicherungskammer Bayern zeigt die Retrospektive zu Sergio Larrain und Henri Cartier-Bressons Mexiko-Bilder.

Darf eine Sozialreportage magisch schön sein? Darf eine perfekte Komposition humanistisch engagiert sein? Ein entschiedenes „Ja“ dazu liefert die Ausstellung in der Versicherungskammer Bayern in München. Weder ist Schönheit ein Verrat an der Sache, noch ist sie eine Täuschung des Betrachters. Vielmehr macht sie Themen zugänglich, an denen man sich sonst vielleicht die Zähne ausbeißen würde. Sergio Larrain und Henri Cartier-Bresson haben die Belange der Welt für uns in eine Fotoästhetik übersetzt, die restlos überzeugt.

Henri Cartier-Bresson (1908–2004), einer der ganz Großen der Fotografie, ist bekannt für seine Ansicht, die Kamera quasi als Notizblock des Lebens einzusetzen. 1947 gründete er mit seinen Kollegen in New York die Agentur Magnum, um Fotos selbstverwaltet in Kontexte stellen zu können. In dieser Agentur gab es dann „noch so einen Verrückten, der immer irgendwelche Wurzeln aß“, erinnert sich Andrea Hofherr von Magnum jetzt schmunzelnd. Das war Sergio Larrain (1931–2012), der sich Ende der 70er-Jahre der Einsamkeit, Askese und Meditation widmete. Gewissermaßen war er das Gegenstück zum Abenteurer, Aushängeschild und Frontmann Cartier-Bresson. Die Präsentation in München macht jetzt Larrain in einer ersten großen Retrospektive in Deutschland zum Star und ermöglicht einen spannenden Vergleich der Persönlichkeiten und Stile.

Beiden Fotografen gemeinsam ist, dass sie sich gegen das wohlhabende und behäbige Bürgertum auflehnten, in dem sie aufwuchsen. „Wir leben in einer privilegierten Welt. Man braucht sich nur umzuschauen, um die Unterschiede zu sehen. Aber diese Privilegien muss man in den Dienst einer Sache stellen, an die man glaubt.“ Cartier-Bresson glaubte an den perfekten Moment, in dem ein Foto „die Narben“ der Welt transportiert. Formal war dieser Moment Geometrie und hundertprozentige – aber nie künstlich arrangierte – Komposition. Persönlich war das für Cartier-Bresson die Position als distanzierter, aber sensibel wahrnehmender Verstärker der Realität. Larrain hingegen begab sich empathisch auf das Niveau des Gegenübers, warf sich förmlich auf den Boden, auf die Straße, in die Niederungen des Alltags, um dessen Magie und dessen Last gleichermaßen zu erspüren. Der Chilene, sicher nicht weniger Perfektionist als sein Kollege, wollte keine Neuigkeiten fotografieren, wollte nicht informieren. Er wollte Realität so fotografieren, wie sie ist: „horizontal, vertical, … Besinnung“.

„In Chile gibt es 26 000 Kinder in diesem Zustand.“ Mit diesem Kommentar verwendete eine Hilfsorganisation die packende, hautnahe, aber nie brutale Serie zu Straßenkindern, die Larrain ab Anfang der 50er-Jahre schoss. Man wähnt sich als Betrachter so mittendrin, wie es Larrain selbst immer war. Dass er sich nach den Reportagen über Teheran, Algerien oder Patagonien zurückzog, ist nachvollziehbar. „Ich glaube, dass der Druck in der Welt des Journalismus – die Bereitschaft, sich jederzeit auf egal welches Thema zu stürzen – meine Liebe zur Arbeit und meine Konzentration darauf zerstört.“ Auch viele seiner Fotos sind eine eigenartige Mischung aus Teilnahme und Rückzug ins Poetische, in eine Parallelwelt, in eine Magie neben der Drastik, betont durch einen hautnahen Vordergrund, Untersicht und durch eine Fernperspektive in eine Art Unendlichkeit. Die Dörfer Südamerikas, das nebulöse London, die berühmten Hafenbilder von Valparaiso tragen unverkennbar diese Handschrift. Eines der berühmtesten Bilder ist das zweier Mädchen: Eines, verschattet, geht auf ihn zu, ein anderes, besonnt, entfernt sich auf einer Treppe. Licht und Schatten, Präsenz und Verschwinden, Traum und Wirklichkeit verschwimmen.

Mit Cartier-Bresson verband Larrain das Interesse für soziale Brennpunkte, beide fotografieren sie in Armen- und Rotlichtvierteln. Anhand der zwei Mexico-Serien Cartier-Bressons von 1939 und 1969 ist aber der Unterschied spürbar: Er leuchtete die makellose Komposition der Realität glasklar und hell aus. Das Erstaunliche: Beide Fotografen waren Reporter genug, um dabei das Surreale der Welt auf ihre Art zu entdecken und für uns erlebbar zu machen.

Freia Oliv

Bis 9. Juni

täglich 9–19 Uhr bei freiem Eintritt, Maximilianstraße 53; Katalog Larrain 50 Euro;

Telefon 089/ 21 60 26 26.

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