Schönheit ist Wandel

- "Ich habe gerade eine Geigerin entdeckt, die ein Wunder ist. Ich freue mich, nächstes Jahr in Salzburg mit Ihnen zu spielen." Spätestens mit diesem Urteil Herbert von Karajans 1976 vollzog sich Anne-Sophie Mutters endgültige Erhebung in den Adelsstand des zeitgenössischen Violinspiels. Bis heute hat es nichts von seiner Aussagekraft verloren - nach wie vor gehört Mutter zu den prominentesten, profiliertesten, engagiertesten Vertreterinnen ihrer Zunft und reißt mit ihrem Geigenspiel ein Millionenpublikum hin. Jetzt hat sie die fünf Violinkonzerte und die Sinfonia concertante von Wolfgang Amadeus Mozart neu aufgenommen und dabei erstmals nicht nur den Solopart gespielt, sondern auch dirigiert.

Wenn Sie sich das Cover Ihrer ersten großen Mozart-Einspielung von 1978 anschauen, der Teenager Anne-Sophie Mutter mit seinem Mentor Herbert von Karajan, und nun das wunderschöne, jugendstilige Design Ihrer Neuaufnahme, was geht Ihnen da durch den Kopf?

Anne-Sophie Mutter: Ich erinnere mich eigentlich noch ganz genau - an die ersten Proben vor den Pfingstfestspielen 1977, meine Angst und meinen Respekt vor Karajan; das hat sich später dann gelegt, und ich habe ihn als einen sehr warmherzigen Perfektionisten kennengelernt. Das ist mir alles noch sehr präsent - es ist ja auch noch keine 100 Jahre her . . .

Dennoch - was hat sich denn über die Jahre an Ihrer Sicht auf die Werke verändert?

Mutter: Es ist sicher schwer zu verbalisieren, wie sich jedes einzelne Detail verändert hat. Aber sehen Sie: Ich war neun Jahre alt, als ich mit dem kleinen D-Dur-Konzert KV 211 debütierte; erst als ich 13 war, begann ich, die stilistischen Unterschiede zwischen Mozart und etwa Max Bruch kennenzulernen, und mit Hilfe meiner wunderbaren Lehrerin Aida Stucki und später Karajans lernte ich, Partituren zu lesen und zu analysieren. Und so sind natürlich unglaublich viele Aspekte in meinem Leben hinzugekommen. Die Beschäftigung mit zeitgenössischer Musik, Kammermusik - das ist alles immer wieder eine Bereicherung für das Repertoire, das ich schon so lange zu kennen glaube. To make a long story short: Ich glaube, dass heutiger Mozart detaillierter, nuancenreicher ist, sicher auch freier.

Inwiefern?

Mutter: Auch weil das London Philharmonic ohne Dirigent spielt - wie ich es seit fünf Jahren bei Mozart handhabe. Ich habe Mozart ja mit den größten Dirigenten gespielt - Karajan, Muti, Marriner - und das auch genossen. Aber manchmal habe ich auch gedacht, dieses und jenes würde ich, wenn ich selber dirigierte, anders machen. Und dann die Orchester-Besetzung: Wir haben die beiden ersten Konzerte in ganz kleiner Besetzung aufgenommen, nur je vier erste und zweite Geigen, für das Adagio von KV 219 sogar nur ein Streichquartett, das gibt dem Ganzen eine Spritzigkeit, Privatheit, eine Kammermusikalität und Spontaneität, die mit einem Riesenschiff nicht möglich ist.

Musiker betonen immer wieder, wie leicht und deswegen schwer Mozart zu spielen sei. Wie geht es Ihnen da? Oder gibt es am Ende bei Ihnen gar nichts Schweres?

Mutter (lacht): Schön wär's. Nein, ich habe die Illusion begraben, dass ich bei Mozart je das Gefühl haben könnte, ich hab's im Griff. Ja, es sollte eigentlich leicht sein, weil so wenige Noten auf dem Papier stehen. Ist es aber nicht, weil Mozarts Musik asymmetrisch ist, denn das musikalische Material verändert sich zum Beispiel in der Reprise. Dieses Quasi-Improvisando lässt nicht die kleinste Unachtsamkeit zu. Und die Schlichtheit, Reinheit der Phrasierung erfordert eine schlichtweg phänomenale Bogentechnik - besonders wenn man der Original-Phrasierung folgen will.

Als ich Ihre Neuaufnahme hörte, kam es mir so vor, als sei Ihr Mozart-Spiel im Laufe der Jahre noch expressionistischer geworden, manchmal sogar unter Preisgabe des durchgehend "schönen" Tons . . .

Mutter: Was man als "Schönheit" betrachtet, ist natürlich Gegenstand einer sehr persönlichen Definition: Schönheit ist eben nicht eine glatte Oberfläche, sondern gelebte Emotion. Schönheit ist Wandel. Schönheit ist Schmerz. Schönheit ist Licht, Schönheit ist Klang. Das hat mich an der Geige von Anfang an fasziniert: die Wandelbarkeit des Klanges. Dass man den Klang wie ein Bildhauer bearbeiten kann. Dass man innerhalb eines einzigen Bogenstrichs so viele Nuancen herausholen kann - wie aus der menschlichen Stimme auch. Insofern liegt mir sehr viel daran, dass eines der wichtigsten Werkzeuge der Musik, nämlich der Klang, bei einem Streicher so weit entwickelt ist, wie nur menschenmöglich. Und selbstverständlich soll man einen Interpreten auch an seinem Klang erkennen.

Haben Sie unter den fünf Konzerten ein Lieblingskonzert?

Mutter: Da muss ich Sie enttäuschen: Ich finde alle fünf im Detail und als ganzer Wurf gleich wunderbar, und ich bin Mozart unglaublich dankbar, dass er fünf Konzerte geschrieben hat und dazu noch die Sinfonia concertante, nicht nur eines wie Brahms oder Beethoven.

Das Gespräch führte Andreas Grabner

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