Schönheit und Wehmut

- "Brasilianische Landschaft mit Kirchgängern und tanzenden Sklaven" (um 1660/70) - Idealisierung spricht aus dem Gemälde. Eine unwirkliche Szenerie zwischen der wilden Unantastbarkeit der Natur und der (schein)frommen Berührung der Kultur. Und doch wurde sie von einem Augenzeugen gemalt.

Im Oktober 1636 besteigt der im niederländischen Haarlem geborene Frans Post (1612-1680) ein Schiff des Prinzen Johann Moritz von Nassau Siegen und segelt an die Küste des holländisch besetzten Brasilien, um Mensch und Natur in den detailgenauen Bildern festzuhalten, die später den Bericht Caspar Barlaeus' illustrieren werden. Die Reise soll Posts Lebenswerk bestimmen; auch nach seiner Rückkehr nach Haarlem 1644 widmet er sich den brasilianischen Landschaften, die zunehmend von der getreuen Abbildung hin zur idealistischen Ansicht und wenig später auch zum elegischen Rückblick auf die einstige Kolonie changieren.

Mit 25 Gemälden und zehn Zeichnungen präsentiert das Münchner Haus der Kunst die bislang größte europäische Schau des gefragten Malers, über den man bis heute wenig weiß: "Frans Post. Maler des verlorenen Paradieses." Perfekte Darstellungen von Flora und Fauna, wie für ein Botaniker-Handbuch, Szenen des ländlichen Zusammenlebens, wie als ethnologische Dokumentationen angefertigt. Dabei ist auch Posts Brasilien im Angesicht von 150 Jahren Besiedlung, Zuckerrohr- und Sklavenhandel längst kein Paradies mehr - aber die Malerei belebt die Utopie.

Brasilianische Landschaft

Ähnliches zeigen die beiden folgenden Säle, über die der Titel der Schau nichts verrät: 370 Jahre später kehrt eine junge Düsseldorfer Künstlerin in ihr Heimatland Brasilien zurück. Rosilene Luduvico reist auf Frans Posts Spuren, sucht auch den "Wasserfall von Paulo Afonso" (1647). Was sie findet: gerodetes Land und einen Stausee. "Das hat mich sehr erschreckt", sagt die Künstlerin.

Auch Luduvicos sparsame Kreide-Ölbilder idealisieren die brasilianische Landschaft - doch indem sie diese reduzieren. Im Kontrast zur regen Munterkeit bei Post, strahlen ihre verletzlich vereinzelten Menschen und Bäume Stille, Verlorenheit, aber auch sanfte Geborgenheit aus.

Eine überraschende Mischung bietet die Schau im Haus der Kunst: drei brasilianische Erlebnisberichte aus Schönheit (Kunst) und Wehmut (Realität). Der dritte von ihnen vermittelt einen unmittelbaren aktuellen Einblick: Ein (Ideal)Stadtmodell aus Ziegeln, Sand, Zement und bewaffneten Legostein-Männchen füllt hier den Saal: das Projekt "Morrinho".

Seit neun Jahren bauen sich Jugendliche eines Armenviertels in Rio de Janeiro einen mittlerweile auf 300 Quadratmeter angewachsenen Spielplatz, eine Miniatur-Favela. Für das Haus der Kunst erschufen sie eine zweite, kleinere Favela: mit Bars, Schulen, Polizei, Sportplätzen und einem Kreuz für den vor kurzem ermordeten Freund. Der Morrinho ist ein Ort, an dem die Jugendlichen ihre rohe Alltagswirklichkeit verarbeiten. Und wenn sie wollen, ist auch dies ein Ort der Utopie.

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