Schönheit, Witz und Horror

- Er pfeift sich eins, der Werner Reiterer: Immerhin ist er der einzige Künstler, der auf Dauer "leibhaftig" im Museum untergekommen ist. Bequem ist seine Lage zwar nicht, wie er da so mit Schlangenmensch-Gummigliedern hockt, dennoch flötet er mit gespitzten Lippen weiter. Ähnlich locker-angestrengt ist das Team um Agnes Husslein-Arco, Chefin des Museums der Moderne Salzburg Rupertinum und Mönchsberg, denn an diesem Samstag geht's über die Ziellinie. Letzteres Haus, hoch über der Altstadt, wird endgültig eröffnet. Ab 14 Uhr, nach der Einweihung, ist es bis Dienstag bei freiem Eintritt zugänglich, danach regulär.

<P>Von Nolde bis Nitsch</P><P>Von nun an muss sich das Gebäude der Münchner Architekten Friedrich Hoff Zwink (wir berichteten) und das Konzept der Ausstellungsmacher im Alltag bewähren. Im Sommer zur Festspielzeit gab es schon einen Vorgeschmack mit zeitgenössischer Licht-Kunst - und einem beachtlichen Erfolg. Jetzt heißt es "Vision einer Sammlung", mit der sich das Museum vorstellen und in die Zukunft blicken will. Man kennt es seit 1983 als "Rupertinum", eine ambitionierte Institution nahe den Festspielhäusern. Allerdings lange schon zu klein für die wachsende Sammlung, die obendrein potente Leihgeber an sich binden möchte. Tatsächlich merkt der Besucher des MDM Mönchsberg (Rupertinum bleibt) gleich, dass sich die Sammlung streckt und reckt. Wobei in dieser Leistungsschau (mit ihren vielen Leihgaben) schon zu spüren ist, dass man's ein bisschen übertrieben hat mit dem Muskeln-zeigen. Zu viel wurde zu eng gehängt.</P><P>Wehmütig erinnert man sich an die luftige Ausstellung im Sommer auf den 2300 Quadratmetern des zwar nüchternen, sich seiner Beton-Haut nicht schämenden Baus, der nach außen den Untersberger Marmor der Fassade - nach Mozart-Musik - (zu) leicht rhythmisiert. Innen hat man Vergnügen an der raffinierten Treppenführung, den Durch- und Ausblicken. Am phänomenalsten natürlich: das Salzburg-Panorama. So puristisch, doch großzügig das Foyer ist (das man zum Beispiel durch den Mönchsberg-Lift mühelos erreicht), so königlich ist der erste Auftritt. Denn die Empfangs-Treppe ist jedes Schlosses würdig.</P><P>Der Gang durch die "Visionen" ist durchaus pragmatisch angelegt. Trotz solch blumiger Motti wie "Symmetrie des Seins - Mensch und Natur" wird das Publikum behutsam von den Wurzeln der Moderne am Ende des 19. Jahrhunderts bis 2004 geleitet: bis zu Reiterers Selbst-Porträt als Pfeifender, eine täuschend lebensechte Plastik à la Duane Hanson. Aufgeboten wird möglichst alles, was Rang und Namen hat in der Klassischen Moderne von Monet bis Modigliani, von Heckel bis Picasso, Jawlensky bis Nolde, von Feininger bis Dix . . . Sogar eine Inkunabel der Moderne, Kasimir Malewitschs "Schwarzen Kreis" (1915), konnte man als Leihgabe gewinnen. Mit derartigen Grund-Symbolen begründete er nicht nur die Abstraktion ("Suprematismus"), sondern wollte damit auch das Ende der Malerei einläuten. </P><P>Bei der Kunst nach 1950 sowie der zeitgenössischen Kunst setzt das Mönchsberg-Museum eigene Akzente: österreichische sowie eher unbekanntere Künstler. Darunter sind Arbeiten wie Hubert Scheibls "Tippi" (Hedren ist die Protagonistin in "Die Vögel"), beileibe keine ganz neue Offenbarung. Wenn wir jedoch die Umriss-Linie Hitchcocks mit einem Vögelchen auf dem Finger erkennen, dann genießt man den Scherz mit dem Horror doch. Schließlich heizt einem so manch anderes Werk mit Grauen gehörig ein. Max Ernsts bunte, unheimliche Loplops sind wir schon gewohnt, aber Julie Haywords vollkommen deformiertes "TV-Baby klein", drastisch plastisch unter der Käseglocke, macht Angst. Dann doch lieber Christian Ludwig Attersees Schinkenröllchen, bei denen der Spargel durch Frauenfinger ersetzt wurde: Kannibalen-Konsum-Lust pop-art-realistisch serviert.</P><P>Wer genau hinschaut, und das möchte der Rundgang bewirken, wird feststellen, dass diese Frechheiten schon im Ursprung der Moderne (und ohnehin im Wesen der Kunst) angelegt waren. Zeigt uns Lovis Corinth eine Frau noch erdig-sinnlich, betont Giorgio de Chirico bei seiner Schönen das Gemalte/Gemachte, stellt den manierierten Blick und die pflanzenstängel-gleichen Finger aus. Noch deutlicher rückt Jean Egger bei seinem Jüngling die Malerei in den Vordergrund: ungebärdiger Farbauftrag, schwarze Linie; dadurch betont er zugleich das Expressive, das Seelische. Dergleichen glückliche Zusammenstellungen gelingen der Schau immer wieder. Dazu trägt bei, dass in Sälen der "alten" die aktuelle Kunst angetippt wird. Schwelgt man in Landschaften von Claude Monet, Gustav Klimt und Adolf Erbslöh, dann mahnt daneben der von Nägeln malträtierte Baumstumpf von Günther Uecker.</P><P>Bis 6.3.05; bis 26.10. kostenlos 10-18 Uhr; danach: Karten acht Euro, Familie zwölf Euro, Katalog, Prestel: 36 Euro; Tel. 0043/ 662/ 84 10 00.<BR></P>

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