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Räumt bald im Weltraum auf: Danny Trejo alias Machete in Robert Rodriguez' Film.

Schönster Schund

Warum Trash-Filme großes Kult-Potenzial besitzen

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Ein Hauch von Handlung, billige Effekte und abgehalfterte Ex-Stars. Unser Autor hat eine Theorie, warum Trash-Filme großes Kult-Potenzial besitzen.

Gegen Haie helfen nur Kettensägen. Die von Fin (Ian Ziering) ist golden, und er hat sie längst in der Hand, als die ersten Viecher durch die Kuppel des Weißen Hauses krachen. Er wirft die Säge an und teilt einen der Raubfische, so einen mittelgroßen, der mit offenem Maul auf seinen Kopf zusteuert, mitten durch. Blut spritzt, die Kette rattert, Fin nimmt sich das nächste Biest vor. Sägen oder gefressen werden, das ist hier die Frage. Und weil der Mann mit dem roten Bart sägt wie kein zweiter, muss er die Welt mal wieder vor einem „Sharknado“ retten.

Völlig durchgeknallter, hochkulturzersetzender Unsinn? Könnte man so sehen, die Fans der Trash-Horror-Reihe „Sharknado“ würden das nicht mal bestreiten. Die Szene von oben stammt aus Teil drei, Untertitel: „Oh Hell No!“. Das aber nur am Rande, denn der Kern – sagen wir: der Grundkonflikt – ist in allen drei Teilen gleich: Ein gigantischer Tornado wirbelt Tausende von Haien direkt aufs amerikanische Festland, wobei die Killer ihre Beute anpeilen wie lebendige Torpedos. Wie sie überhaupt in den Sturm gekommen sind – wäre klärenswert. Interessiert hier aber keinen Menschen.

Das ist so sensationell platt, dass man es nicht mögen muss. Aber ignorieren ist auch kein Weg. Denn die „Sharknado“-Reihe (Regie: Anthony Ferrante) aus der B-Movie-Schmiede „The Asylum“ hat sich längst zum Kult entwickelt – und dem Trash-Film neuen Auftrieb gegeben. Allein im Subgenre des Hai-Horrors gibt es jedes Jahr Dutzende neuer Filme mit legendären Titeln wie „2-Headed Shark Attack. Ein Körper, zwei Köpfe und 6000 Zähne“. Aber die Motiv-Palette kennt keine Grenzen: In „Iron Sky“, der 2012 in die Kinos kam, planen Nazis auf der Rückseite des Mondes die Rückkehr auf die Erde. Und in „Rubber“ rollt ein Autoreifen mordend durch die Landschaft. Der Film lief 2010 sogar in Cannes!

Erklärungsbedarf? Bitte sehr: „Trash“ heißt auf Englisch so viel wie Müll. Die Basis-Zutaten für einen ordentlichen Müllfilm: Ein Drehbuch mit nur einem Hauch von Handlung. Möglichst billige Effekte. Ein Ensemble aus recycelten Serien- oder Filmstars (Ian Ziering war mal Schmacht-Material in der US-Serie „Beverly Hills 90210“). Und Sätze, die so blöd sind, dass man sie sich beim Trinkabend mit den Kumpels zuruft – in „Sharknado 3“ sagt der US-Präsidenten, bevor er selbst Haie abmurkst: „Niemand greift mein Haus an. Jetzt ist es was Persönliches.“

Nicht gerade oscarverdächtig, das alles. Aber mindestens Müll im gehobenen Segment. Denn wer genau hinsieht, merkt schnell, dass guter Trash selbstironisch bis zum Abwinken ist – und im besten Fall sogar subversiv. Das fängt beim Spiel mit dem eigenen Medium an. „Zombiber“ zum Beispiel parodiert den klassischen Teenie-Horror-Film, indem er einer Gruppe von Jugendlichen eine Horde von Untoten auf den Hals hetzt – nur dass die Zombies keine verdammten Seelen sind, sondern Biber. Der Titel erklärt sich da von selbst.

Auch die „Sharknado“-Filme brechen die Regeln des guten Films, wo sie nur können. Teil 3 zieht in einer Tour das absurde Selbstüberbietungs-Kino à la Hollywood durch den Kakao. Diesmal muss Held Fin gleich gegen zwei Sharknados ankommen, die drohen, sich zu einem gewaltigen Sharkicane zu vereinen, wobei der Hai-Hurrikan wohl sowas wie die Steigerung des Hai-Tornados sein soll. So oder so: Sägen alleine hilft da nicht mehr. Also kommt Fins Vater ins Spiel, der mal Nasa-Astronaut war und nun vom All aus einen zerstörerischen Laser-Strahl auf die Hai-Stürme abfeuern will. Dass der vom letzten Menschen auf dieser Erde gespielt wird, der ein Spaceshuttle fliegen sollte – nämlich David „The Hoff“ Hasselhoff – ist sowas wie das Trash-Sahnehäubchen – und ein Kommentar auf die amerikanische Helden-Sehnsucht.

Je absurder, desto besser. Die Sache mit dem All war übrigens schon mal da. Am Ende von „Machete Kills“ schickt Regisseur Robert Rodriguez Hauptdarsteller Machete (Danny Trejo) rauf in den Weltraum. Dort muss er den Bösewicht Voz jagen, gespielt von Mel Gibson (!). Teil 3 soll das Versprechen einlösen. Und „Machete Kills Again... In Space!“ verspricht Großes: Ein mexikanischer Ex-Agent, Machete eben, der ausschließlich mit einem gleichnamigen Werkzeug tötet, kämpft im All. Muss man mehr sagen?

„Machete“ ist wie „Sharknado“ längst Kult. Teil des Erfolgs ist sicher die Tatsache, dass Regisseur Rodriguez eine ganze Reihe von Motiven aus seiner „El-Mariachi-Trilogie“ parodistisch zitiert. Während dort Antonio Banderas als kultivierter, aber gefährlicher Gitarrenspieler durch Mexiko zieht, ist Machete zwar nicht weniger gefährlich, aber weit weg davon, kultiviert zu sein. In Teil 1 gibt er den Technologie-Verweigerer und sagt Sätze wie: „Machete schreibt keine SMS.“ Als ihn die schöne Sartana (Jessica Alba) später doch dabei erwischt, antwortet er: „Machete improvisiert.“

Solche Sätze sollte man auf T-Shirts drucken. Die besten Zitate gibt’s im Internet nachzulesen. Das ist im Übrigen nicht ganz unschuldig am wachsenden Erfolg des Trash-Genres. „Sharknado“, für den so gut wie kein Werbebudget eingeplant war, ist unter anderem via Twitter groß geworden. Und ein Film wie „Iron Sky“ (Regie: Timo Vuorensola) – die Nazis auf dem Mond, Sie erinnern sich – wäre ohne das Netz wohl nicht zustande gekommen. Die Macher sammelten rund 900.000 der 7,5 Millionen Euro Produktionskosten im Netz ein, per Crowdfunding.

Selbstverständlich ist auch im Trash nicht alles Müll, was glänzt. Das Spektrum ist breit und reicht von echtem, kaum ertragbarem Schund bis zu jenen Filmen, die im besten Fall eine Menge Spaß machen. An seiner Daseinsberechtigung zweifelt aber kaum jemand, schon deshalb nicht, weil Quentin Tarantino das Genre mit seinen Filmen geadelt hat. So viel Kunstblut wie in „Kill Bill“ ist selten geflossen. Und selten hat ein Film damit so viel Erfolg gehabt.

Regisseur Anthony Ferrante backt mit seiner Hai-Tornado-Reihe natürlich kleinere Brötchen als Tarantino – wobei der erste „Sharknado“, Untertitel: „Genug gesagt!“, längst mit einem Titel bedacht ist: als „Schlechtester Film aller Zeiten“. In der B-Movie-Szene ist das ein Riesen-Kompliment und Ferrante bedankt sich damit, dass er sich bei jeder Fortsetzung selbst überbietet.

Die Schlussszene aus Teil 3 spricht Bände: Da verschluckt ein wirkliches Monster-Exemplar von Hai Fins schwangere Frau April (Tara Reid, bekannt aus der Komödie „American Pie“). Die schneidet sich mit einer Mini-Kettensäge, die sie statt der linken Hand trägt, raus aus dem Killerfisch-Magen, aber erst, nachdem sie ihren Sohn auf die Welt gebracht hat. Ist das herrlicher Schund?

Trash-Filme gibt es derzeit donnerstags auf Arte zu sehen – oder bei Tele 5 in Oliver Kalkofes „Schlefaz – Die schlechtesten Filme aller Zeiten“.

Marcus Mäckler

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