Schöpferischer Zweifel

München - Da ist ein Körper, nur zum Teil aus dem Stein herausgeschält. Ein anderer hat starr hochgezogene Schultern - wie der Querbalken eines Kreuzes. Dann fällt die sitzende Gestalt auf mit ihrem extrem gebeugten Rücken und Nacken samt dem hängenden Kopf. Dazwischen immer wieder ein hageres, altes Gesicht, die Augen tief in den Höhlen. Diese Blätter des Michelangelo-Zyklus leiten die Ausstellung "Fritz Wotruba - Zeichnungen und Steine" in der Münchner Pinakothek der Moderne ein.

Kurz vor seinem Tod schuf der österreichische Künstler (1907-1975) jene ungeheuer faszinierende Reflexion über die eigene Arbeit, über das Sein als Bildhauer. Das Genie Michelangelo ist dabei Ansporn und Schutzgeist zugleich. Denn die Skulpturen sind in ihrer unberührbaren Ruhe übermächtig. Ihr Schöpfer, zusammengesetzt aus dicht geführten Bleistiftstrichen, steht zwischen ihnen - mit seinem Meißel und seinen Zweifeln.

 Die Staatliche Graphische Sammlung ehrt Fritz Wotruba - für Sammlungs-Chef Michael Semff "einer der großen Bildhauer unserer Zeit" - mit dieser Schau anlässlich seines 100. Geburtstags. Obwohl die Präsentation keine gewaltige Retrospektive ist - die letzte gab es in München 1967 im Haus der Kunst - und "nur" sieben Skulpturen neben den vielen Zeichnungen Platz finden, gewährt sie einen erstaunlich umfassenden Einblick in die künstlerische Entwicklung Wotrubas. Neben den ganz frühen Zeichnungen, die bisweilen noch die Figurenauffassung eines Egon Schiele aufnahmen, das Knochige, Eckige vor allem, ist die erste frühe Vollendung in der Steinbildhauerei zu sehen: "Torso" von 1928/29. Ein gestreckter Männerrumpf, der an einen vielleicht an den Armen Aufgehängten oder einen sich Emporreckenden gemahnt. In dieser eindrucksvollen Plastik ist das Vorbild Michelangelo deutlich zu spüren.

In der Nazizeit emigrierte Wotruba mit seiner jüdischen Frau in die Schweiz. Ein erschütterndes Blatt eines niedergeschmetterten Menschen, "Schlachtopfer", stammt von 1933. Was hier noch recht figürlich ist, erforscht der Stift Wotrubas später mit unendlich geduldiger Analyse. Gerade die Zeichnungen - Semff sichtete 3500 Blätter - schildern, wie sich der Künstler mit Bleistift oder Tusche an sein ästhetisches Vokabular herangearbeitet hat: Irgendwann gaben die Körper ihre Kuben frei, verwandelte sich das Organische in Gebautes. Das wiederum verwandelte Fritz Wotruba in Stein.

Bis 25. November,

Tel. 089/ 23 80 53 90,

Katalog, Hatje Cantz: 35 Euro. 

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