Schonungslose Subjektivität

- Reinhard Mey gehört einer aussterbenden Spezies an. Liedermacher haben es heute schwer, vielleicht weil niemand mehr die schonungslose Subjektivität erträgt, mit der in den 70ern die Gesellschaft und das eigene Selbst zur Gitarrenbegleitung betrachtet wurden. Möglichst distanziert und möglichst laut muss es heute zugehen. Der gebürtige Berliner macht da nach 49 Alben und über 500 Liedern nicht mit, und das braucht er auch nicht.

Mey steht ganz in Schwarz vor schwarz verhangener Bühne im Münchner Circus Krone, zupft sachte die Darmsaiten und beginnt mit "Wenn ich betrunken bin", einer Hymne an den Kontrollverlust. Der Text ist programmatisch: "Mein Redefluss wird glatt und meine Sprache blumenreich", heißt es da und: "Dann bricht das Gute aus mir raus, das sich schon lang aufstaut".

Nur wenn er betrunken ist? Aber er ist doch immer betrunken, sagt er, "naturbetrunken" wie Obelix, der als Kind in den Zaubertrank gefallen ist. Mey ist einfach ein guter Mensch, "Ritter Reinhard, der Kerzengerade". Seine intelligenten, fein gedrechselten Texte haucht er wie gehabt mit diesem berühmten, gütig näselnden Pathos. Und es sind besonders die locker hingeschmunzelten Sottisen auf die Tücken des Alltags, die besonders gut funktionieren. Egal, ob nun das Intimpiercing rostet oder seine Frau ihn antreibt, "Noch'n Lied" zu schreiben - "Du machst doch sonst 'ne Oper aus jedem Kaninchenfurz!"

Ambitioniert, aber nicht spannend ist dagegen das Messner-Drama "Nanga Parbat". Und auch die autobiografische Glorifizierung der französischen Gesellschaft in "Douce France" kann vor dem Hintergrund randalierender Migrantenjugend im Nachbarland nicht wirklich überzeugen. All das tut diesem gelungenen Abend freilich keinen Abbruch, und nicht nur Evergreens wie "Über den Wolken" werden gefeiert. Der gute Mensch Mey kann sich auf seine Freunde verlassen: "Bei meinem letzten Konzert hier im Jahr 2002 habe ich gesagt: Wie sehen uns dann im Circus Krone um 20 Uhr. Ich habe kein Datum genannt, aber alle sind da", war seine Begrüßung. Sie werden auch beim nächsten Mal wieder kommen.

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