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Schostakowitsch-Satire am Staatstheater Augsburg: Mieter statt Menschen

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Von: Markus Thiel

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Shin Yeo, Kate Allen, Alejandro Marco-Buhrmester und Olena Sloia.
Kleines Glück in der Moskauer Trabantenstadt: Szene mit (v.li.) Shin Yeo, Kate Allen, Alejandro Marco-Buhrmester und Olena Sloia. © Jan-Pieter Fuhr

Wo die Preise explodieren, bleibt nur das Überleben in der Trabantenstadt. Schostakowitsch zeigt das schon in seiner Satire „Moskau, Tscherjomuschki“. Dem Staatstheater Augsburg gelingt damit vor allem ein musikalischer Coup.

Jede Metropole hat ihr Neuperlach. In Berlin heißt das Marzahn, in Hamburg Mümmelmannsberg, in Augsburg ist es das Herrenbachviertel. Trabantenstädte, auf die Nymphen- und Charlottenburger mit Schaudern, wahlweise Hochmut herabblicken und die dort kleines Glück bedeuten müssen, wo Quadratmeterpreise ortsübliche Explosionen hinter sich haben.

Tscherjomuschki, den einschlägigen Moskauer Stadtteil, wird man sich merken müssen. Nicht unbedingt als Ausflugsziel, wohl aber als Thema und Titel einer musikalischen Satire, die im Genre der klassischen Operette wildert, sie verbiegt, frisiert, überspannt und in den Irrsinn treibt. Dmitri Schostakowitsch konnte sich damit 1959, im sowjetischen Tauwetter nach Stalins Tod, aus der Deckung wagen. Das Thema brennt heißer denn je, und die Musik ist so überrumpelnd wie brillant – ein Coup, den das Staatstheater Augsburg da gelandet hat.

Eine Musik zwischen Revue, Walzeralbtraum und Kurt Weill

Eine genaues Nachzeichnen der Handlung tut hier nichts zur Sache. Es geht um Wohnungsnot, um Zuweisungsscheine, um Umsiedlung an den Stadtrand, um einen widerspenstigen Hausverwalter, selbstverständlich um Korruption nebst Zusammenlegung zweier Wohnungen zum Vier-Zimmer-Luxus im Plattenbau, worauf ein Pärchen plötzlich auf der Straße steht. Dazwischen gibt es viel Raum für die kleine und große Liebe. Und im letzten Bild, wenn Schostakowitsch mit den Textdichtern Wladimir Mass und Michail Tscherwinski alles im Zaubergarten samt „Wahrheitsbank“ spielen lässt, nimmt der Zweistünder die letzte Umdrehung ins Absurde.

Die Partitur strawanzt zwischen Revue, Walzeralbtraum und Grellem à la Kurt Weill. Ohrwürmer machen Druck im Gehörgang – vor allem wenn man sie so aufs Publikum loslässt wie die Augsburger Philharmoniker unter ihrem Ersten Kapellmeister Ivan Demidov. Der tut genau das Richtige: Er hält die Tempi straff und den Klang kantig. Aus dem Graben der Ausweichspielstätte Martini-Park wetterleuchtet es in Neonfarben. Und einmal mischt sich Demidov auch vorwurfsvoll ins Geschehen ein.

Regisseurin Corinna von Rad erliegt nicht der Gefahr der hohlen Aktualisierung oder der szenischen Überreizung. Gerade weil sie dicht am Stück bleibt, darf man sich genug eigene Reime auf das Ganze machen – und vielleicht an schmerzhafte Eigenerfahrungen denken. Denn nicht nur um eine Plattenbausiedlung geht es ja in „Moskau, Tscherjomuschki“, sondern um eine von oben verordnete Verheißung, die dem Realitätstest bedingt standhält.

Deutsche Dialoge mit russischen Übertiteln

Moritz Müller hat dafür eine Versatzstück-Bühne gebaut mit einem verbieg- und fahrbaren Bretterzaun, einer (natürlich unfertigen) Showtreppe und einem Ein-Raum-Apartment, das per Kranausleger über die Szene manövriert wird. Die Kostüme von Kathrin Plath bewegen sich zwischen 70er-Jahre-Schick, Flower Power und Kunstpelz-Noblesse. Zu den zündenden Nummern wird auch getanzt, wobei sich Altea Garrido (Choreografie) bewusst vor geschleckten Chorus-Line-Arrangements hütet.

Gesungen wird ganz hervorragend und auf Russisch, gesprochen auf Deutsch – wobei manch schwerer Akzent der nicht-schwäbischen Ensemblemitglieder eingebaut wird. Dafür gibt’s ja, noch eine kleine Pointe, die russischen Übertitel. Aus dem aufgekratzten Ensemble ragen Wiard Witholt und Olena Sloia sowie, noch ein Liebespaar, Alejandro Marco-Buhrmester und Natalya Boeva heraus: Der Abend ist auch vokal eine eindrückliche Leistungsschau der Augsburger Eigengewächse.

Gut möglich, dass eine andere Regie angesichts der Stückvorlage noch mehr zugelangt hätte. Amüsant und extrem kurzweilig ist der Abend jedoch allemal, bei dem man angesichts der Textstellen aus dem Nicken nicht mehr herauskommt: „Wenn ihr die Schlüssel habt, seid ihr keine Menschen mehr, sondern Mieter.“

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