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In der Farbe des Blutes: Anna Maria Sturm (hier mit Kristof van Boven) arbeitete die Sprachstruktur von „O Death“ am besten heraus.

Premierenkritik

"O Death" in den Kammerspielen: Schräg, fremd, schön

München - In den Münchner Kammerspielen brachte Jan Decorte sein Stück „O Death“ nach der „Orestie“ zur Uraufführung. Die Premierenkritik.

In der Spielhalle der Münchner Kammerspiele wird eine große Geschichte erzählt. Eine unserer größten: die „Orestie“ nach Aischylos. Das macht, mit acht Schauspielern und einem Musiker, der flämische Theatermacher und Autor Jan Decorte.

Er ist, heute eine Seltenheit, ein Mann des Wortes. Seine Spieler stehen in einer Reihe an einer grauen Wand, in die drei kleine quadratische Fenster eingelassen sind, hinter denen Feuer züngelt (Bühne: Johan Daenen). Zwei sind nackt, von oben bis unten rot bemalt, in der Farbe des Blutes. Die anderen haben schwarze Hosen an, die Männer nackte Oberkörper. Alle sind barfuß (Kostüme: Sofie D’Hoore). Langsam, ruhig, treten sie nacheinander vor und erzählen die blutigste Geschichte unserer Literatur: Mord, Totschlag, Rache.

Das Ganze in 80 Minuten. Dazu hat sich Decorte eine Art Kindersprache für seine Fassung der „Orestie“ ausgedacht, in der oft ein Buchstabe fehlt, viele Diminutive vorkommen und man sich den Wortfluss im Kopf selber zusammenfügen muss. Decortes Frau und Muse, Sigrid Vinks, auch auf der Bühne, hat „O Death“ bewundernswert stimmig aus dem Flämischen ins Deutsche übersetzt. So klingt das: „die verrückte./ handin/ handdurch/ dieblüm/ chenund/diebienchen/ vögelchen/ imgras/ undsie/ kamen/ an/ diepforte/ des/ palastes/ undsie/ klopften/ unddieser/ König/ liesssie/ herein...“

Klingt schräg. Ist es auch, aber die exzellenten Sprecher, allen voran, mit großem Ton: Walter Hess, dazu die auch hier sehr persönlichen Benny Claessens und Kristof van Boven, die, wie auch Sigrid Vinks, gemessene Angst- und Freudentänze aufführen. Anna Maria Sturm bringt die Sprachstruktur am besten heraus.

Zwischen den schaurigen Episoden – Tochter-Opferung, Muttermord, Betrug mit dem Trojanischen Pferd – spielt Stef Kamil Carlens fremdschöne Lieder. Jan Decorte, mit seinen langen weißen Haaren wie ein Zauberer am Stehpult, liest seine Texte. Er ist zuhause ein Star, hat Fernsehen gemacht, ging sogar in die Politik, brachte Brecht und Müller nach Flandern. Immer auf seine ganz eigne Art und Weise.

Seine Hoffnung bei der Orestie: Nach all dem Morden müsse der Mensch einsichtig und fähig zur Demokratie werden. Abrupt tritt er am Schluss seines Stücks ein orgiastisches Freudenfest los wie einen musikalischen Ausbruch. Alle Schauspieler schreien und toben durcheinander. Freude? Es hat genau so viel von Gewalt. Das Publikum war stellenweise von den Schauspielern gefesselt, auch von deren persönlichem Humor. Am Ende leicht gequält, aber doch für diese ganz andere Art von Theater – es war eine Uraufführung – zu Beifall bereit.

Von Beate Kayser

Nächste Vorstellungen am 21., 23., 24., und 30. Mai, sowie am 3., 6., 23., 26. Juni; Telefon 089/ 233 966 00.

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