Je schräger desto besser

- Leuchtet oder schläft Münchens Kultur? Das Museumsareal floriert, die Galerien scharen sich ums Establishment. Aber was ist mit der jungen Kunst, die sich erst Räume und Lorbeeren erobern muss? Zu Zeiten gekürzter Etats haben zwar einige Institutionen wie die lothringer 13 überlebt, doch sonst? Sonst hat München nicht den besten Ruf. Aber es gibt sie, die geheime Szene. "Off spaces" nennt Markus Dickelhuber die außergewöhnlichen Ausstellungsorte, die sich die Kreativen selbst erschlossen haben. Damit künftig nicht nur Eingeweihte von Hinterhof-Projekten erfahren, will er jetzt ein eigenes Faltblatt herausgeben (Tel. 089/ 27 27 58 93, www.m-radar.de).

<P class=MsoNormal>Grundsätzlich gibt es zwei Optionen: Entweder man nutzt leerstehende Immobilien, wie etwa Tina Schmitz die Luitpold Lounge. Oder man erschließt Privates und setzt auf Interaktion. Hier ging die lothringer-Kuratorin Courtenay Smith mit ihrem "homeroom" voraus. Kurator Rüdiger Belter macht es ähnlich. Seit drei Jahren stellt der Kunstvermittler seine Wohnung zur Verfügung. Er akzeptiert neben einem gewissen Voyeurismus auch, dass Stephanie Senge zum Beispiel seinen "mini salon" in eine zugemüllte Wohnung verwandelte (Martin Schmid, 12.5.-26.6., Landsberger Str. 129, Tel. 089/ 51 99 98 88, www.mini-salon.de). </P><P class=MsoNormal>Exquisite "Raumpflege" </P><P class=MsoNormal>"Bauen Sie immer noch um?" Mit dieser Frage muss sich Ben Kaufmann abfinden, denn seine Ausstellungsräume sind spartanisch. Zehn Jahre lang hat sich der Künstler mit Formalismus und Konzeptkunst beschäftigt. Der Linie ist er auch als Galerist seit 2004 treu geblieben. Claudia Kuglers Fotografien sind da programmatisch: Computergestützt, als Loops zu fiktiven Kulissen verbunden, sind sie ein Stück realitätsnahe Unheimlichkeit (Bis 4. Juni, Amalienstr. 14, Tel. 089/ 28 67 55 57, www.benkaufmann.com). </P><P class=MsoNormal>"Ein Raum für die Kunst ist die beste Raumpflege." So sehen es die Kreativen, die vor drei Jahren die Galerie Royal ins Leben gerufen haben. Sie setzen vor allem Gruppen in Bezug zueinander (Doris Lasch, Ursula Ponn, Ursula Paletta bis 6. Mai. Landsberger Str. 446, www.galerieroyal.de). Ähnliche Eigeninitiative zeigten Anna Friedel und sechs Kollegen, um "die Lücke zwischen etablierter und junger Kunst zu schließen": Ein Jahr existierte das "Experiment Dunstkreis" mit Ausstellungen in wechselnden Räumen. Mittlerweile gehen die Studenten getrennte Wege. Drei davon organisieren als "Raum 500" alle zwei Monate "konsequent progressive" Aktionen. Friedel selbst hat sich mit Franka Kassner zu "mehrpersonenprivat" zusammengetan und will im Sommer Videos präsentieren. Es wird "etwas mit Vehemenz sein", so Friedel. "Kunst muss auch ein bisschen weh tun." (Raum 500, Blumenstr. 28/V, www. raum500.de. mehrpersonenprivat, Westendstr. 151, Mail: franka.kassnergmx.de).</P><P class=MsoNormal>"Je schräger desto besser." So umreißt Rainer Lienemann vom Büro Wigel das Konzept der "Roten Zelle". Der Bau wird vom Kunstforum unterstützt und konnte Olaf Metzel als Kurator fürs erste Jahr bekommen. Dessen Bildhauerklasse machte aus der ehemaligen Hinterhof-Waschküche skurrilste Umbauten. Selbst die letzte Installation mit einem höllisch lauten Sechszylinder-Plattenspieler konnte niemanden aus der Ruhe bringen. Eigentlich nur auf ein Jahr ausgerichtet, geht die Zelle heuer in die zweite Runde. "Aber bevor es sich tot läuft, wollen wir alles mit einem Feuerwerk beenden", so Lienemann (Adalbertstr. 11, ,Tel. 089/ 38 01 67 3, www.rotezelle.de; jetzt bis 26.5. dort zu sehen Leopold W. Hafner). </P><P class=MsoNormal>Zu den Vertretern mobiler Kunst gehört Stephanie Bender. Sie hat vor einem Jahr ihre Wandergalerie gegründet. Düstere, provokante Arbeiten zeigt sie in leer stehenden Läden. Die Konfrontation mit dem Raum und den offenen Austausch sieht sie als Vorteile des temporären Konzepts. Daneben stellt sie zu Hause den Showroom zur Verfügung. Dort wird im Mai Bernd Imminger gezeigt: Im Video "Ektoplasma" versucht eine Art Monster, sich bis zu eigenen Zerstörung aus seiner Selbstverstrickung zu befreien (Theresienstr. 122a, Tel. 089/ 95 48 98 59, www.wandergalerie.de). </P><P class=MsoNormal>"Ich bin wahnsinnig hartnäckig und rufe alle Makler und Wohnungseigentümer an." So kommt Christina Brugger seit einem Jahr an ihre kurzfristigen Galerieräume. "justê-artê" fungiert primär als Sprungbrett für Studenten der Malerei, Fotografie und Skulptur (Tel. 0172/ 82 88 363, www.juste-arte.de). Ähnlich geartet ist die "Ambulante Galerie" von Michaela Dambeck. "Kunst an einem anderen Ort schaut ganz anders aus, man kann mehr spielen." Deswegen zieht es die Passauer Kuratorin mit dem Faible für Zeichnung und Abstraktes nach München. Ab 2. Juni präsentiert sie naive Holzplastiken von Annerose Riedl in der Thierschstraße 6 (Tel. 0851/ 96 66 44, www.ambulante-galerie.de). </P><P class=MsoNormal>Wagemutige können sich Kunst auch ins eigene Zimmer holen. Die "transformers" suchen Wohnungen zum Umgestalten. "Gerade wenn es keine Kunstkenner sind, kann man ganz andere soziale Arbeit leisten", erklärt Kim Nekarda. Es geht um produktive Prozesse, die man gemeinschaftlich bewältigt. In den letzten vier Jahren klappte das immer: Sogar ein schräger Wohnungsboden wurde installiert. Heuer sind noch drei Ausstellungen geplant - sofern jemand seine Räume anbietet (Mail: kimnekardayahoo.de).</P>Der Kunstbau des Lenbachhauses zeigt zurzeit unter dem Titel "Favoriten" ebenfalls Arbeiten von jungen Münchner Künstlern.

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