Schrank, Licht, Brett und vollste Ruhe

Transit Amsterdam: - Zwei springende Glücksschweinchen umrahmen den handschriftlichen Wunsch "Hals- und Beinbruch" am Fuß des Plakats, als handele es sich um die Regeln für ein Abenteuerspiel. Doch wird hier in acht Punkten erläutert, wie man sich im Untergrund bei einer Durchsuchung der Gestapo zu verhalten hat: "Stets in den Schrank einsteigen! Licht! Brett einsetzen. Bücherkisten einsetzen. Vollste Ruhe!" - und so weiter. Das Plakat stammt aus einem Versteck in Amsterdam, wohin in den 30er-Jahren viele deutsche Künstler vor den Nationalsozialisten flohen, bis 1940 die Wehrmacht auch die Niederlande besetzte.

Bis zum Herbst zeigt die Monacensia die eindrucksvolle, übersichtliche und lebensnahe Schau "Transit Amsterdam" über das niederländische Exil, beschrieben in Tagebuchaufzeichnungen, Briefen, Fotografien und Büchern, die von den Kuratoren Veit J. Schmidinger und Wilfried F. Schoeller zusammengetragen wurden.

 Von der Familie Mann ist da die Rede, für deren Mitglieder, Thomas, Erika und Klaus etwa, Amsterdam nur Durchgangsstation war. Von der Dichterin Elisabeth Keun, die auch nach dem Krieg in den Niederlanden blieb. Von dem Maler Max Beckmann, der nicht mehr rechtzeitig in die USA fliehen konnte und dennoch überlebte. Von dem Schauspieler und Regisseur Kurt Gerron, der der Gestapo in die Hände fiel und im KZ ermordet wurde.

 Und von der Münchner Autorin Grete Weil, die später nach Deutschland zurückkehrte, wohl auch, weil sie sich nicht heimisch fühlte: "Die andere Sprache, die fremden Menschen, das flache Land. Sogar die Kühe haben eine andere Farbe als in Bayern."

Neben den biografischen Skizzen erläutert die Ausstellung viele Zeitumstände, die Amsterdam als Exil attraktiv machten. Etwa dass die Emigranten bis 1935 kein Visum brauchten. Dass die Niederländer schon seit den 20er-Jahren Fans der deutschen "leichten Unterhaltung" wie Kabarett, Revue und Operette waren. Und wie offen und interessiert sie die Exilanten am Kulturleben teilhaben ließen. Die Exponate sind leider so großzügig an die Wände verteilt, dass kleinteilige Dokumente weit oben, unterhalb der Decke hängen und kaum mehr zu erkennen sind. Viele markante Zitate dagegen leiten in Großformat sinnvoll durch die Vielzahl von Informationen.

So schildert etwa der Komponist und Theaterdirektor Rudolf Nelson, wie während einer Aufführung der "Czárdásfürstin" die Gestapo hinter der Bühne erschien: "Und das Unglaubliche aber typisch Deutsche ereignete sich: Der Offizier hielt den Zeigefinger vor die Lippen ... Eine Theatervorstellung darf nicht gestört werden, selbst wenn es eine von Juden gespielte und von einem Juden geschriebene Operette ist."

Bis 26. Oktober

Tel. 089/139 290 46.

Katalog: "Transit Amsterdam". edition monacensia im Allitera Verlag, München, 260 Seiten; 24 Euro.

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