Der Schrecken da draußen

- Besonders jetzt, nach den Attentaten in der Londoner City, können wir Leser diesen Henry Perowne gut verstehen. Denn was anderes hätte er sich schon ausmalen können als einen Anschlag, als er morgens um 3.40 Uhr am Fenster steht und eine brennende Maschine gen Heathrow fliegen sieht? Es ist der 15. Februar 2003, der Tag, an dem in der britischen Hauptstadt Demonstranten zur bislang größten Friedenskundgebung zusammenströmen werden. An Schlaf ist für Henry nun nicht mehr zu denken und, nach einigen Stunden, auch nicht mehr an einen Terroranschlag: Entwarnung, eine Notlandung. Doch statt von der monumentalen Demo, vom Krieg im Irak und Anti-US-Parolen wird Henrys Leben heute von einem ganz anderen, von einem privaten Krieg bestimmt.

Schicksal oder Verschulden?

Ein Tag im Leben des Romanhelden, das Experiment haben vor Ian McEwan schon prominente Kollegen gewagt, etwa James Joyce mit "Ulysses" oder Virginia Woolf mit "Mrs Dalloway". Und auch in "Saturday" des Londoner Bestseller-Autors, der 1998 den Booker-Preis gewann, geht es nicht allein um die Abarbeitung von 24 Stunden, sondern um das Aufrollen eines ganzen Lebens. Im Grunde ist der Roman eine Ansammlung von Kurzgeschichten, politisch-philosophischen Exkursen, medizinischen Ausführungen und klugen Spitzfindigkeiten, die in einen Thriller münden. Extrem wird die Realzeit gedehnt, immer wieder öffnen sich Türen, entspinnen sich Nebenstränge, überblenden sich Zeit- und Handlungsebenen. Und all das ist außerordentlich kunstvoll verknüpft, spannend, mit skalpellscharfer Präzision und Analyse erzählt sowie mit überraschenden Wendungen gespickt.Welch Idyll: Henry Perowne ist Neurochirurg, d i e Kapazität seines Fachs, dazu glücklich verheiratet, ja bedingungsloser Monogamist. Sohn Theo hat als Musiker den Blues, Tochter Daisy lyrisches Talent. Eigentlich wollte Henry heute zum Squashen, doch auf dem Weg dorthin hat sein teurer Schlitten eine unverschuldete Kollision mit einem Auto, das von Halbstarken gesteuert wird. Damit er nicht zusammengeschlagen wird, spielt er sein Wissen gegen den psychisch kranken Anführer aus, den er dadurch verunsichert. Was Henry für diese Minute rettet, schlägt jedoch abends auf die Familie zurück.Angst um Besitz und das soziale UmfeldNotwehr oder Missbrauch seiner Kompetenz? Schicksal oder Verschulden? Für Henry Perowne, zu dessen ärztlichem Alltag die Öffnung von Schädeldecken und das Vordringen zum Gehirn gehört, waren's die Neurotransmitter. Ethik, sittliche Gesinnung, Liebe, Freundschaft, Hass, Streitlust - alles Werk der Moleküle. Wobei Autor McEwan bald durchblicken lässt, wie viel Verunsicherung hinter solch vermeintlicher Selbstsicherheit steckt, welch starker Panzer die rationale Pose sein kann. Man könnte es allerdings auch mit Sohn Theo halten, der ohnehin den Rückzug in private Alltäglichkeiten predigt: "Je größer man denkt, desto beschissener sieht es aus."Immer wieder gerät Henry ins Reflektieren über mögliche Anschläge und die Nachwirkungen des 11. September, doch gleitet dies letztlich an ihm ab, so, als streife es seine Lebenswirklichkeit kaum. Und bald geht es ihm wie mittlerweile den meisten: Botschaften des Schreckens werden doch nur noch mit geschäftsmäßigem Entsetzen quittiert, ja manchmal scheint es, als ob Nachrichten auf den nächsten Horror-Schub geprüft würden, um danach nur die leitartikelnde Routine abzunicken.Denn auch darauf zielt Ian McEwan: Was die Mitglieder der Wohlstandsgeneration wirklich aus der Bahn wirft, ist die Angst um den Besitz und das soziale Umfeld. Die Bedrohung der Wohnung, das Eingreifen in den (angeblich) funktionierenden Alltag bis, ja bis der eigene, persönliche 11. September droht, den Henry am 15. Februar 2003 erlebt und der für ihn und seine Familie auch eine Chance sein könnte. Die Szene um 3.40 Uhr entpuppt sich in der Rückblende also als zynischer Moment: Der Schrecken scheint immer da draußen. Notfalls kann man sich ja wieder in die Federn kuscheln.

Ian McEwan: "Saturday". Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Diogenes Verlag, Zürich, 387 Seiten; 19,90 Euro.

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