Der Schrecken des Unvorhergesehenen

- Es ist eine Geschichte von großer Schuld und kleiner Schuld und allen Abstufungen dazwischen. Und das Schöne und Hintergründige an ihr ist, dass sie so ungeheuer fiktional und so erschütternd naiv aus der Perspektive eines kleinen Jungen erzählt wird, dass sich ihr hoher moralischer Anspruch elegant, aber unaufhaltsam im Leser entfaltet.

Philip Roth arrangiert in seinem gerade auf Deutsch erschienenen Buch "Verschwörung gegen Amerika" das, was mit dem häufig gebrauchten Begriff Versuchsanordnung allerdings am besten beschrieben ist: Er nimmt sein Heimatland USA, einige reale Figuren - seine eigene Familie - und ein paar Größen der Geschichte und setzt sie künstlich geschaffenen Bedingungen aus. Nämlich: Nach  zweiAmtszeiten tritt gegen Präsident Franklin D. Roosevelt 1940 der Atlantik-Überflieger Charles A. Lindbergh als republikanischer Kandidat an und gewinnt. Und mit ihm kommt antisemitisches Gedankengut an die Macht, das der echte Lindbergh ja tatsächlich äußerte.

"Mein Vater weinte wie ein verlassenes Baby."

Die Romanfigur Philip Roth

Für einen siebenjährigen jüdischen Jungen aus einer Kleinbürgerfamilie in New Jersey, Philip Roth, verändert das alles. Er sieht den widerstandsfähigen und selbstbewussten Vater in den kommenden zwei Jahren zusammenbrechen, die patente, schutzbietende Mutter fast verzweifeln, den älteren Bruder abtrünnig und Lindbergh-freundlich werden und den Cousin einbeinig aus dem Krieg wiederkehren. Ein Junge versteht die Welt nicht mehr, deren scheinbar verbindliche Koordinaten er gerade erst kennengelernt hat.

Philip Roth erzählt unpathetisch und verblüffend plausibel von dieser großen Schuld Lindberghs, der - so eine Erklärungsvariante am Ende des Buches - vielleicht eine Marionette der Nazis wurde, weil diese seinen entführten Sohn als Geisel halten: Verschwörung gegen Amerika - Diskriminierungen im Alltag, Massenunruhen gegen Juden, Lynchjustiz. Und Roth erzählt, gewitzt und furchterregend zugleich, von der kleinen Schuld des Philip Roth. Der partout nicht mit einem Umsiedlungsprogramm nach Kentucky ziehen will, durch seine einflussreiche Tante aber den unausstehlichen Nachbarsjungen dorthin verbannt. Und letztlich, wegen der dort stattfindenden Pogrome, den Tod von dessen Mutter mitverursacht. Verschwörung gegen zwei Kinder - gegen ihre Unschuld, ihren zarten, noch unbedarften Verstand, ihr Schutzbedürfnis.

Der wunderbar unterhaltende Tonfall des Buches verdankt sich Roths Kunst, die kindliche Logik und den weisen, kommentierenden Rückblick des Gealterten ideal zu verbinden. Recht haben beide, der junge und der alte Philip. Der Neunjährige bringt es nicht übers Herz, den einbeinigen, Lindbergh-feindlichen Cousin im selben Zimmer mit dem regierungstreuen Bruder schlafen zu lassen und nimmt dafür lieber selbst den Schrecken vor dem Phantombein in Kauf. Oder er zieht den Schluss, dass er seine Briefmarkensammlung nicht perfektionieren kann, weil er Jude ist. Denn er hat gelernt, dass es in den Wohngegenden amerikanischer Nazis Dachböden mit alten Briefmarkenschätzen gibt, seine Eltern aber nie in eine solche Gegend ziehen würden. Und der spätere Roth konstatiert, beide Blickwinkel übereinander schiebend: "Der Vater weinte wie ein verlassenes Baby und ein gefolterter Mann zugleich, weil er machtlos war, das Unvorhergesehene aufzuhalten. Den Schrecken des Unvorhergesehenen lässt die Geschichtswissenschaft verschwinden, indem sie eine Katastrophe zu einem Epos macht."

Der Autor Roth aber verwandelt das episch Gewordene zurück ins Unvorhergesehene und gibt ihm seinen undomestizierten Schrecken wieder. In der Gestalt und dem fragilen Gefühlsleben des kleinen Jungen erleben wir, die wir die Historie einordnen können, die Bedrohung neu, neu auch in der unerwarteten Perspektive eines faschistischen Amerika. Und zuletzt beweist der Autor in diesem so privat gehaltenen, aber hochpolitischen Buch seine Erzählkunst, indem er Amerika und seine demokratischen Grundfesten geschickt rehabilitiert: Denn vielleicht war dieser Lindbergh ja nur von den Nazis instrumentalisiert worden. Seine Frau Anne Morrow Lindbergh aber darf schließlich die Redemokratisierung einläuten.

Und dennoch: Roth thematisiert eine faschistische Grundstimmung in den USA und bringt damit den plötzlich sehr naiv wirkenden Mythos von der Selbstverständlichkeit der amerikanischen Demokratie heftig ins Wanken. Ein gerade wegen seiner großen Leichtigkeit und Brillanz verstörendes schriftstellerisches Experiment.

Philip Roth: "Verschwörung gegen Amerika". Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz. Hanser Verlag, München, 430 Seiten; 24,90 Euro.

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