Schrecklich schöne Schocktherapie

Haus der Kunst: - Sie gelten als die Popstars der Kunstszene: Den Briten Gilbert & George, seit 1967 in Kultur & Leben ein Paar und seit ihren Auftritten als "lebende Skulpturen" weltberühmt, widmet das Münchner Haus der Kunst eine Ausstellung mit rund 200 Werken aus 40 Jahren.

Explosionen im Münchner Haus der Kunst. Massiv erschüttern sie die Besucher, ihre Sitten und ihr Denken. Kreuze aus Exkrementen, grellbunte Nackte, Sex, Leid, Liebe, Religion dicht an dicht, an sich erschütternd, in der Summe schockierend und in der Anordnung trotz allem unweigerlich ästhetisch - das ist die Kunst und somit auch die Existenz von Gilbert & George.

Seit über vierzig Jahren bombardiert das Künstlerpaar das Bürgertum mit einer Befreiung von vielen Konventionen, geht dem Ekel und dem Reiz des Lebens auf den tiefsten Grund. Nun haben die beiden in der schlicht betitelten, eigenhändig durchorganisierten "Großen Ausstellung" gleichsam eine Kathedrale geschaffen für ihr bisheriges Lebenswerk, das leuchtend bunt wie Kirchenfenster, schön wie Wandmalerei, aber auch aggressiv und dreist herausfordernd wie ihre Heimat London ist. Im Vergleich zur Präsentation in der Londoner Tate Modern Gallery wurde die Schaulust noch unterstrichen.

Ein wütender "Schrei" 1992 fokussiert doppelköpfig in Schwarz und Rot die Suche nach der Wahrheit des Lebens. Er ist nicht weniger gequält als Munchs berühmter Selbstzweifel knapp hundert Jahre zuvor. Aber er ist selbstbewusster und geordneter. Produziert wurde er schließlich von den zwei Gentlemen in stets perfekten Anzügen, die sich Gepflegtheit, Freundlichkeit und einen strikten Alltag zur Philosophie gemacht haben.

Nur durch die Abstinenz von allen zusätzlichen Reizen sind sie im Stande, ihren inneren und "den Schrei der Welt" zu hören. Existenzielle Fragen wachsen aus dieser scheinbaren Londoner Monotonie und Leere.

"War Jesus heterosexuell?" Obszön betextet, aber mit einem Band aus Kreuzen verbunden, schwebt dieser Titel über den zwei Röntgen-Kruzifixen, die von den Künstler-Konterfeien getragen werden. Blasphemie, mögen da viele denken. Gilbert & George sehen es anders: "Medien wollen schockieren, aber Künstler nicht. Unsere Bilder wollen weder angreifen noch provozieren - sie wollen erforschen."

Schockierendes durch Schocktherapie in einem wohlfeilen Rahmen zu bekämpfen, könnte man das Prinzip des Duos nennen. Es soll dem Unmöglichen wieder seine Normalität geben. Um dieses seltsame Streben nach Wahrheit zu verstehen, muss man zurückgehen zu den Anfängen der Ausnahme-Karriere. London 1967: Zwei junge Bildhauer stehen nach Abschluss ihrer Ausbildung vor der absoluten Leere. Sie beschließen, sie gemeinsam - privat wie beruflich - zu füllen. Sie inszenieren sich nicht nur als lebende Skulpturen, sondern verstehen sich als solche auch bis heute. Dabei ist jede Scheu vor Selbstentblößung, jede Scham und jede Moral fehl am Platz. Dazu gehören Alkoholexzesse, die sich in vielen Bildern als Kneipen-Streifzüge widerspiegeln.

Die frühen Schwarz-Weiß-Zeichungen weisen den Weg in zweierlei Hinsicht: Sie werden zusammengesetzt zu monumentalen Wandmalereien, die die Gattung ebenso hinterfragen wie ihre Motive. Stadt- und Landleben, Schönheit und Verderbnis sind die Pole. Auch die Schwarz-Weiß-Fotos der 70er-Jahre setzen den Menschen in eine bedrängende, abstrakte Enge, die aber durchaus ästhetisch ist. Mit dem Einbringen von Rot werden die Effekte schriller und die Bilder symbolischer, es dringt die Außenwelt mit einer politischen und sozialen Dimension ein: Selten war verzweifeltes Suchen, Elend und Not so schön…

Die schrecklich-schöne Welt von Gilbert & George wird in den 80ern knallbunt, schrill und immer noch provokanter. Hunger und Durst werden als Homo-Oralsex dargestellt. Sinnsuche lastet auf den Schultern der Künstler, indem das Kreuzsymbol vielfach zitiert, seziert und dreist verändert wird. Die Darstellung und Erforschung der eigenen Abgründe, der Tugenden und Laster, gipfelt in den Shit-Bildern. Exkremente, Sperma, Schweiß - Gilbert & George untersuchen menschliche Absonderungen unterm Horoskop und stellen fest, dass dieser Mikrokosmos eine ungeheuere Ästhetik und Ornamentik birgt.

Nicht jeder kann das Nachvollziehen: "Shitty", ein Kreuz aus Kot mit den alternden Akten der Protagonisten, mit sozialer Unterlegung und menschlicher Blankheit unter wolkenverhangenem Himmel sorgt auch 1994 noch für Unmut. Dabei will das Künstlerduo eigentlich nur das menschliche Dasein enttabuisieren.

Seit 2003 ist die Frage nach Gut und Böse, Schein, Moral und Sein noch vielschichtiger: Das Duo hat sich ein perfektes Studio zur digitalen Bildbearbeitung eingerichtet und zitiert nun noch hinterhältiger Kunst- und Sozialgeschichte. Weil die beiden aber immer Kunst vom und fürs Volk machen wollen, liegt über all der menschlich existenziellen Problematik ein wohltuender Klang von heiler Ordnung. Die Suggestivkraft, die darunter liegt, macht sich erst viel später bemerkbar, wenn die Bilder im Gedächtnis im Alltag wiederkehren.

Bis 9. September,

Öffnungszeiten Mo. bis So. 10­20 Uhr, Do. 10­22 Uhr,

öffentliche Führungen Do., 19 Uhr, und Sa., 15 Uhr;

Tel. 089/ 21 12 71 13,

Katalog: 24,80 Euro.

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