Schrei, so laut du kannst

- Sie schreien noch am Odeonsplatz. Eine halbe Stunde und acht U-Bahnstationen vom Konzert der Magdeburger Band Tokio Hotel im Münchner "Zenith" entfernt. "Schrei-hei! Schrei, so laut, du kannst!" "Wir sind jung und nicht mehr jugendfrei!" Hunnen-Horden in Hüfthosen, völlig außer Rand und Band. Ein älterer Herr im zugeknöpften Loden schnauft grantig, zwei Hip-Hopper kichern unsicher: Diese Wesen, jedes höchstens 15, machen Angst.

Tokio Hotel sind nichts für Erwachsene und ihr überhebliches: "Das hatten wir doch alles schon." Das ist das Wesentliche: Es ist das ewig gleiche Phänomen, jawohl, seit den Beatles. Ein Geheimnis, das sorgsam in Mädchenzimmern gewahrt wird, das die Hälfte der Klasse doof findet, aber die Eingeweihten, die wissen Bescheid. Worüber? Wer weiß das schon? Was man jedenfalls nicht wissen muss: Tokio Hotel reiten auf der Erfolgswelle von deutschsprachigen Bands wie Juli oder Silbermond; Tokio Hotel sind vielleicht nicht gecastet und spielen schon seit ein paar Jahren zusammen, aber sie werden generalstabsmäßig vermarktet und trainiert. Tokio Hotel spielen ihren Rock selbst, ihrem zarten Alter entsprechend; Tokio Hotel werden wohl in zwei Jahren vergessen sein; die Mädchen, die heute in Ohnmacht fallen (so viele sind es gar nicht), werden sich schon bald dafür schämen.

Erwachsenen-Geschwätz. Was zählt, ist der Moment. Der Moment, als Sänger Bill Kaulitz als Letzter der Band die Bühne betritt, androgyn, schwarz das Haar, die Nägel und der Lidstrich. Die ohnehin schon bedrohliche Geräusch-Kulisse schwillt nun an, als gelte es, Höllenszenarien eines Hieronymus Bosch hörbar zu machen. Allerdings haben Bill, Gustav, Tom und Georg ihr Publikum professionell im Griff. Sie sind kaum älter als ihre Fans, aber die Gesten sitzen, der Gang auf dem Steg ins Publikum, die Art, wie Bill die Probleme mit dem Stimmbruch locker übergeht, indem er die Menge einspannt. Um 21 Uhr ist aber Zeit fürs Bett. Eltern sammeln die Abgekämpften ein, schmunzeln einander nervös zu, als habe man es hier mit einer Kinderkrankheit zu. Doch dann starren sie diesen Wesen, die langsam wieder zu ihren Töchtern werden, verwundert in die verklärten Gesichter. Es sind Rituale wie dieses, die die alte Dame Pop jung halten.

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