+
Johannes Mario Simmel schuf mit dem Roman „Der Stoff, aus dem die Träume sind“ einen der Bestseller des 20. Jahrhunderts.

Zum Tod von Johannes Mario Simmel

„Schreiben war immer Therapie“

Immer wieder wurde er von den Literaturkritikern als Trivialautor geschmäht. Allgemeine Anerkennung fand Johannes Mario Simmel erst 1987 mit dem Roman „Doch mit den Clowns kamen die Tränen“. Jetzt ist der Schriftsteller, der zuletzt in der Schweiz lebte, im Alter von 84 Jahren gestorben.

Nach Angaben seines Anwalts starb Simmel in einer Seniorenresidenz in der Nähe der Schweizer Stadt Zug. Berühmt wurde der Österreicher unter anderem mit Romanen wie „Es muss nicht immer Kaviar sein“ (1960), „Jimmy ging zum Regenbogen“ (1970) und „Der Stoff, aus dem die Träume sind“ (1971). Seine rund 35 Romane und Erzählungen erschienen in 33 Sprachen und einer Auflage von 73 Millionen. Simmel zählt zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Schriftstellern, der sets engagiert Themen der Zeit verarbeitet hat.

Der Autor wurde am 7. April 1924 in Wien als Sohn eines Chemikers und einer Filmverlags-Lektorin geboren. Die Eltern stammten aus Hamburg. Simmel verbrachte seine Kindheit in Österreich und England. In der österreichischen Hauptstadt machte er Abitur und absolvierte anschließend eine Ausbildung zum Chemieingenieur. Als Heilmittelchemiker arbeitete er von 1943 an in einem kriegswichtigen Betrieb. Bereits als 17-Jähriger legte er seinen ersten Novellenband „Begegnung im Nebel“ vor, der 1947 erschien.

Nach dem Krieg arbeitete er zunächst als Dolmetscher für die US-Militärregierung in Österreich und schrieb nebenher seinen ersten Roman „Mich wundert, daß ich so fröhlich bin“, der 1949 erschien und auf ihn aufmerksam machte. Das Debüt basiert auf eine wahre Begebenheit aus dem Zweiten Weltkrieg und begründete Simmels Ruf als Autor dokumentarisch untermauerter Romane.

Nahezu zeitgleich wurde er Österreichs jüngster Kulturredakteur und wenig später Drehbuchautor beim Film. Ein Jahr später zog er nach Deutschland, wo er für die Zeitschrift „Quick“ als Reporter durch die ganze Welt reiste. Seinen Durchbruch als Romanautor feierte Simmel mit dem Agentenroman „Es muss nicht immer Kaviar sein“, der zunächst als Fortsetzung in der „Quick“ erschien und später ebenso verfilmt wurde wie „Lieb Vaterland, magst ruhig sein“ (1965), „Und Jimmy ging zum Regenbogen“ (1970) oder „Der Stoff, aus dem die Träume sind“ (1971). Insgesamt 18 verfilmte Simmel-Romane kamen im deutschsprachigen Raum in die Kinos.

Simmel widmete sich stets aktuellen und brisanten Themen. Nachkriegsdeutschland oder die Berliner Mauer thematisierte er ebenso wie Alkoholmissbrauch, Drogen, Gen-Manipulation, Rechtsradikalismus und Organspende. Dabei recherchierte er die Geschichten bis ins Detail und reicherte sie oft mit einer Portion Erotik an.

Grundsätzlich wollte er seine Leser aufklären. „Schönschreiberei“ führte seiner Meinung nach zu nichts. Die literarische Anerkennung seines Werkes blieb ihm dennoch meist versagt. „Bestenfalls als gehobene Trivialliteratur“ stuften die meisten Kritiker seine Romane ein. Immerhin zollte ihm Marcel Reich-Ranicki Lob: „Simmel hat wie kaum ein anderer zeitgenössischer Autor einen fabelhaften Blick für Themen, Probleme, Motive“.

Wie beliebt und aktuell Simmels Themen noch heute sind, zeigten ZDF-Neuverfilmungen im vergangenen Jahr. „Gott schützt die Liebenden“ mit Iris Berben und Peter Simonischek sahen im Dezember 5,22 Millionen Zuschauer. Noch mehr Menschen (5,5 Millionen) verfolgten im September die Neuverfilmung von „Und Jimmy ging zum Regenbogen“.

Paul Kemp

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Zurück in die Zukunft
Berlin. Harrison Ford und Ryan Gosling stellen in Berlin Szenen ihres neuen Kinofilms „Blade Runner 2049“ vor.
Zurück in die Zukunft

Kommentare