Schreiben statt leben

- Esra ist in München unterwegs. Heimlich verfolgt vom Exfreund Thorben. Das wiederum beobachtet der Schriftsteller Adam, Ich-Erzähler in dem neuen Roman "Esra" von Maxim Biller. Dieses Bild umschreibt wohl am besten, wie Literatur und Leben bei Adam zusammenhängen: Beständig ist er hinter dem Leben her, aber einholen will er es eigentlich gar nicht, sondern lieber schreiben über die ewige Sehnsucht danach. Und nach dem Paradies von Adam und Esra.

<P>Zwischen Eiscafé Venezia, Nordbad und Schumann's erinnern alle Orte nur an sie, Esra ist immer und überall _ weil nie und nirgends: "Warum liebe ich Esra überhaupt? Wahrscheinlich weil ich sie nicht bekommen kann." Obwohl Esra ihn bittet, nicht über sie zu schreiben - "Ich will mit dir privat sein", erklärt sie zu Beginn der anhaltend wechselhaften Beziehung zu Adam -, erzählt er von nichts anderem.</P><P>Nun haben zwei Personen geklagt, da sie sich in "Esra" unangemessen dargestellt fühlen (wir berichteten). Indizien aus dem Text könnten auf die Münchner Schauspielerin Ayse Romey (Figur der Esra) verweisen und auf Birsel Lemke, Trägerin des Alternativen Nobelpreises wie Lale Schöttle, Esras Mutter. Die ausgelieferten Buchexemplare dürfen verkauft werden, ein Nachdruck ist dem Verlag jedoch untersagt.</P><P>Maxim Biller steht nicht das erste Mal in der Kritik, seine ganz persönlichen Erlebnisse ohne unnötige Umwege niederzuschreiben. In "Esra" aber hat er alle Vorwürfe und Reaktionen, die die Erzählung in dieser Hinsicht hervorrufen wird, schon eingearbeitet. Er nimmt Lesern wie Kritikern die Argumente in dem Moment aus dem Mund, in dem man sie gerade formulieren wollte. Dies alles verwebt er in eine wunderbar ernsthafte, von dem ironisch gelangweilten Gestus der Popliteratur Abstand nehmende Geschichte von liebevoller Schlichtheit.</P><P>Den Erzähler Adam scheint das ganze Gerede um Fiktion und Realität sowieso nicht zu interessieren, seine Fantasie benutzt er nur, um darüber schöne Sätze zu formulieren: "Ich sagte sehr höflich, das Leben und das, was man beim Schreiben daraus macht, seien wie Zwillinge, die bei ihrer Geburt auseinandergerissen wurden, oder ich dachte mir anderen ähnlichen Unsinn aus." <BR></P><P>Maxim Biller: "Esra". Kiepenheuer & Witsch, Köln. 214 Seiten, 18,90 Euro.<BR></P>

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