Es schreit aus mir heraus

- Für Regisseur Dani Levy (49) war der Dreh seines Films "Mein Führer -­ Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler" ein Befreiungsakt. Er stellt die Nazis als Witzfiguren aus. Seine einst von den Nationalsozialisten verfolgte Mutter konnte der aus der Schweiz stammende Regisseur von seinem Projekt überzeugen. Am 11. Januar startet "Mein Führer" mit Helge Schneider in der Titelrolle in den Kinos.

Wie sind Sie auf Helge Schneider als Hitler-Darsteller gekommen?

Dany Levy: Diese Frage kann ich nicht schlüssig beantworten. Es war ­ auch wenn es bescheuert klingt ­ Intuition. Ich kannte Helge eher von Ferne als sehr exotischen Eigenbrötler und Gesamtkunstwerk. Als ich die allererste Drehbuchfassung geschrieben habe, hat sich Helge immer wieder als Bild vor mein inneres Auge gestellt. Komischerweise haben wir uns dann am Telefon schnell als Seelenverwandte gefunden und hatten das Gefühl, wir haben die gleichen Ideen über die Möglichkeiten der Komödie.

Bei den Probeaufnahmen habe ich dann ganz schnell gesehen, dass er genau der ist, den ich brauche. Er hat auch die kindliche Freude am Spielen ­ weder verkrampft noch ambitioniert, sondern lässig. Ich habe gespürt, dass es ein Balance-Akt ist. Und ich habe mir jemanden gewünscht, der mich ein Stück weit befreit und sich nicht abarbeitet an dieser übergroßen Figur. Helge hat einen wahnsinnig weiten Horizont für das Mögliche.

Wie hoch war die Hemmschwelle, eine Komödie über den menschenverachtenden Diktator Hitler zu drehen?

Levy: Es gab keine Hemmschwelle, die Nazis zu Komödienfiguren zu machen. Das war eine Art Urschrei, der aus mir raus musste: Ich will die zersetzen, ich will die runterholen von jeder Form von Glaubwürdigkeit, Größe und denkmalgeschützter Steinernheit. Hier in Deutschland wird so oft in Dokumentationen und Spielfilmen dem gehuldigt, was die Nazis angerichtet haben. Nicht positiv, durchaus kritisch ­ aber mit so einer dokumentarischen Ehrfurcht vor der Wahrheit und der Realität. Da wollte ich mich nicht darauf einlassen. Wenn, dann bestimme ich die Regeln der Geschichte und nicht die Geschichte. Deshalb habe ich mit unglaublich großer Lust und diabolischer Freude die Nazis im Film Sachen sagen lassen, die sie natürlich nie gesagt hätten. Die müssen sich selber entlarven.

Wie weit darf Satire gehen? Hatten Sie auch Skrupel?

Levy: Ich bin ein wandelnder Skrupel. Es ist nicht so, dass ich mich kaltblütig über meine jüdische Identität hinweg setze. Es war ein Drahtseilakt. Das Barometer war ich selbst. Und mein "Überbarometer" ist meine Mama als Repräsentantin des orthodoxen, konservativen Empfindens und als Überlebende des Holocausts. Ich habe ihr das Buch von "Mein Führer" geschickt, und sie hat geseufzt "Musst Du es Dir immer so schwer machen". Aber ich habe zu ihr gesagt: "Ich muss den Film jetzt machen, es schreit aus mir heraus."

Was ist für Sie Humor?

Levy:  Humor ist eine wirklich subjektive Sache. Aber das gemeinsame Lachen ist eine Art Säuberung und Läuterung. Es gibt keine Möglichkeit, Witze über den Holocaust zu reißen. Aber über die Machthaber kann man eine böse Komödie machen und sie ein Stück weit ihrer Größe entheben. Humor ist eine Waffe und eine zersetzende Kraft. Ich will den Zuschauern Mut machen, sich nicht beeindrucken zu lassen von der Übergröße dieses Systems, obwohl das Wirken übergroß war.

Das Gespräch führte Elke Vogel

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