Schriftsteller António Lobo Antunes wird 65 Jahre alt

München - Es hätte der größte Triumph seiner ohnehin erfolgreichen Schriftstellerkarriere sein können. Aber António Lobo Antunes dürfte wenig Freude empfunden haben, als er im März dieses Jahres den Camões-Preis erhielt, die bedeutendste Literaturauszeichnung in der portugiesischsprachigen Welt.

Zu dieser Zeit erlitt der portugiesische Autor, der morgen 65 Jahre alt wird, einen schweren Schicksalsschlag. Die Mediziner stellten bei ihm, der viele Jahre selbst als Arzt gearbeitet hatte, einen Krebs fest. Nach einer Operation unterrichtete er noch vom Krankenbett aus seine Leser. "Ich hätte nie gedacht, dass es mich eines Tages treffen würde", schrieb er in seiner Kolumne für das Magazin "Visão". "Die Krankheit hat mein Leben von oben bis unten verändert. Ich weiß aber noch nicht, in welche Richtung."

Lobo Antunes ist einer der bedeutendsten portugiesischen Schriftsteller der Gegenwart und gilt als der "ewige Nobelpreiskandidat". Seine Romane wurden in mehr als 50 Sprachen übersetzt. Eine wichtige Rolle in seinem Werk spielt sein Dienst Anfang der 70er-Jahre als Militärarzt in der damaligen Kolonie Angola. Das Regime in Lissabon hatte den jungen Chirurgen aus reichem Hause für den Kolonialkrieg zwangsverpflichtet. Am 25. April 1974 erlebte er die "Nelkenrevolution", den unblutigen Sturz der Diktatur Salazar/Caetano. Weltreich, Kolonialkrieg, Revolution: Wie bei anderen portugiesischen Autoren bildet dieser geschichtliche Hintergrund auch bei Lobo Antunes die schöpferische Grundlage, gepaart mit einem düsteren Gegenwarts-Blick.

Der Durchbruch gelang ihm 1979 mit dem Roman "Os cus de Judas", der 1987 unter dem deutschen Titel "Der Judaskuß" erschien: Ein Kriegsveteran, den Angola zum seelischen Krüppel gemacht hat, offenbart einer Prostituierten in einer Lissabonner Bar seine Erinnerungen und Sehnsüchte, rechnet im Alkoholrausch mit jenen ab, die ihn kaputt gemacht haben. Der stark autobiografische Roman in Monologform mit seiner radikalen, bildhaften Sprache machte den Autor über Nacht berühmt. Obwohl Lobo Antunes wie ein Besessener - stets mit Kugelschreiber - schrieb, hielt er lange Zeit noch regelmäßig Sprechstunden in einer psychiatrischen Klinik in Lissabon ab. Wie zuvor sein Vater war er dort Chefarzt, nachdem er von der Chirurgie zur Psychiatrie gewechselt war. In "Geh nicht so schnell in diese dunkle Nacht" (2000) verarbeitete er den frühen Krebstod seiner ersten Frau und Mutter seiner drei Töchter im Jahr 1999.

Nach seiner eigenen Krebserkrankung spricht er offen von seiner Verzweiflung und seinen Ängsten: "Der Krebs raffte die Menschen dahin, die ich am meisten geliebt hatte. Und ich, liebe ich mich? Ja. Nein. Ja. Nein. - Ja."

In der Literaturkritik feiern die einen Lobo Antunes als literarisches Genie, die anderen dagegen feinden ihn als arroganten Egozentriker an. Dazu trug auch bei, dass er 1997 seine Teilnahme an der Frankfurter Buchmesse mit der offiziellen Delegation absagte. Er hatte dort damals nicht "in einem Pulk mit 30 anderen Autoren" auftreten wollen. 

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