Der Schriftsteller als Chemiker

- "Mein ,Onkel Wanja läuft in der ganzen Provinz und ist überall ein Erfolg. Man weiß eben nicht, wo man findet und wo man verliert. Auf dieses Stück hatte ich ganz und gar nicht gerechnet." Und noch heute ist er mit diesem Schauspiel und all seinen anderen auf der Gewinnerseite. Ob sie in künstlerisch bescheidenerer Umsetzung zur Aufführung gelangen oder, wie derzeit am Münchner Residenztheater, im großen Format. Mit Tschechow ist es wie mit Shakespeare: Seine Dramen enthalten das ganze Menschsein, in allen Schattierungen und Widersprüchen. Anton Tschechow, dessen 100. Todestag die Welt heute begeht - er starb am 15. Juli 1904 im Kurort Badenweiler im Schwarzwald -, ist einer der Titanen der Literatur und, vor allem, des Theaters. Und wie Shakespeare ist auch er an Modernität und Zeitgenossenschaft nicht zu überbieten.

<P>Klein und im Geiste armselig erscheinen gegenüber dem Russen jene, die da meinen, in seine Texte eingreifen, sie für die Gegenwart kompatibel machen zu müssen. Aber die genialen, tragisch angehauchten Komödien oder komisch grundierten Tragödien Tschechows, von der "Möwe" bis zum "Kirschgarten", überdauern alle Moden. Wann immer man eines seiner Stücke auf der Bühne sieht - neben den genannten etwa "Iwanow", "Platonow" oder "Drei Schwestern" -, meint man, sich selbst zu begegnen, in der eigenen Unzulänglichkeit und Lächerlichkeit. Mehr als jeder andere Schriftsteller ist Tschechow einer von uns.<BR><BR>Wer war dieser Anton Tschechow? Am 29. Januar 1860 (nach dem gregorianischen Kalender am 17. Januar) wurde er im südrussischen Taganrok geboren. Die Eltern Kleinbürger, der Vater war noch Leibeigener gewesen. Aber der Sohn ging bereits zum Medizinstudium nach Moskau. Von Anfang an fuhr er zweigleisig: literarisch und wissenschaftlich. Er lebte und arbeitete als Arzt und Schriftsteller - in Moskau, auf seinem Landgut Melichowo und zeitweise auf der Krim, wo er Linderung suchte für seine von Tbc befallenen Lungen.<BR><BR>Einblick in sein Innerstes geben seine unzähligen, hinreißenden Briefe; gibt natürlich auch seine Literatur, seine Prosa. Insbesondere aber geben seine Theaterstücke, die er nie "Drama", sondern immer "Komödie" genannt wissen wollte, Autobiografisches preis.<BR><BR>Die Menschen, die in seinen Stücken die heruntergekommenen Landgüter bewohnen, seine Hypochonder aus der Großstadt, die Künstler-Pfaue aus den Theatern, die Ärzte des Dorfs, die Nichtstuer und die Übereifrigen, die Trinker und Trottel, die Trägen und die Besessenen, die Liebenden und Ungeliebten - er hat sie alle gekannt. Hat ihnen ein Denkmal gesetzt, sie unsterblich gemacht. Sie in ihrem Glück und ihrem Schmerz, ihrer Kleinheit und ihrer Größe selbst noch zu Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts werden lassen.<BR><BR>"Ich habe eine Krankheit: die Autobiographobie", schrieb er einmal an einen Freund. Da nimmt es nicht Wunder, dass sich das klassische Tschechow-Repertoire neuerdings durch den dramaturgisch klug ausgewählten Briefwechsel mit der Schauspielerin Olga Knipper erweitert hat, jener Frau, die er spät, 1901, drei Jahre vor seinem zu frühen Tod, heiratete. Eine Ehe der permanenten Trennung. Aber auch der Rivalität zwischen der selbstbewussten, emanzipierten Künstlerin und Tschechows Schwester Marija, die für ihn sorgte und seine Haupterbin inklusive der Rechte an den dramatischen Werken wurde.<BR>"Ich sollte ein Bad nehmen und heiraten."<BR>Anton Tschechow</P><P>Der Eheschließung waren folgende Überlegungen Tschechows vorangegangen. In einem Brief an Freund Suvorin schrieb er: "Ich sollte ein Bad nehmen und heiraten. Ich habe Angst vor einer Ehefrau und dem Familienleben, die mich einengen und in meiner Vorstellung nicht zusammenpassen mit meiner Unordentlichkeit, aber es wäre trotzdem besser, als weiter auf dem Meer des Lebens dahinzuschaukeln und sich im lecken Kahn der Ungebundenheit dem Sturm auszusetzen. Und ich mag es auch nicht mehr, Geliebte zu haben, und werde ihnen gegenüber allmählich impotent."<BR><BR>Was Tschechow sehr schnell zum Idol des modernen Theaters werden ließ, waren zwei Dinge: einmal sein großes soziales Interesse und Engagement - 1880 bereiste er zum Beispiel für längere Zeit die Sträflingsinsel Sachalin, um die Lebensbedingungen der Gefangenen zu erforschen - und zum anderen die bis dahin nie gekannte, geradezu revolutionäre Form seiner Dramatik. Er versank nicht wie die Naturalisten vor lauter Mitleid im Sumpf des Elends. Er übersah ihn aber auch nicht.<BR><BR>Er diagnostizierte kühl, objektiv und dennoch voller Liebe und mit unendlichem Humor: "Dass die Welt wimmelt von ,Lumpen beiderlei Geschlechts, das ist wahr. Jedoch zu meinen, Pflicht der Literatur sei es, aus dem Haufen Lumpen die ,Perle herauszufischen, bedeutet, die Literatur selbst zu negieren. Für Chemiker gibt es auf der Erde nichts Unreines. Der Schriftsteller muss genauso objektiv sein wie der Chemiker: Er muss sich frei machen von der Subjektivität seines Alltags und wissen, dass die Misthaufen in der Landschaft eine sehr beachtliche Rolle spielen, und dass böse Leidenschaften dem Leben ebenso eigen sind wie gute." <BR><BR></P>

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