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Heinrich von Kleist schied am 21. November vor 200 Jahren zusammen mit einer Freundin aus dem Leben.

Schriftsteller Heinrich von Kleist: Der Atemzug der Freiheit

München - Heinrich von Kleist ist einer der großartigsten Dichter deutscher Sprache. Seine Dramen vom „Zerbrochnen Krug" bis zur „Hermannsschlacht" sind genauso faszinierend wie seine Erzählungen von „Michael Kohlhaas" bis zum „Findling". Bis heute stehen Leser und Theaterpublikum mit dem Schriftsteller aus Preußen im Dialog.

Für uns Anregung genug, anlässlich seines 200. Todestags am Montag mit Kleist ein „Interview“ zu führen.

-Am 21. November 1811 gingen Sie mit der schwerkranken Henriette Vogel (31) am Kleinen Wannsee bei Berlin in den Tod.

Das Leben nennt der Derwisch eine Reise,/ Und eine kurze. Freilich! Von zwei Spannen/ Diesseits der Erde nach zwei Spannen drunter./ (...) Wer heut sein Haupt noch auf der Schulter trägt,/ Hängt es schon morgen zitternd auf den Leib,/ Und übermorgen liegts bei seiner Ferse.

-Sie hatten Existenzsorgen, Ihre Zeitung, die „Berliner Abendblätter“, war nach sechs Monaten Ende März 1811 eingegangen, und die Zensur nervte. Stieg da Angst vor dem Nichts in Ihnen hoch?

Zwar, eine Sonne, sagt man, scheint dort auch,/ Und über buntre Felder noch, als hier:/ Ich glaubs; nur schade, dass das Auge modert,/ Das diese Herrlichkeit erblicken soll.

-Sie hatten sich mit Verve in den Journalismus gestürzt. In den „Abendblättern“ veröffentlichten Sie aber nicht nur Informationen, sondern auch Kurzgeschichten, Fabeln oder Anekdoten. Könnten Sie uns eine ganz kurze Anekdote erzählen?

Ein Kapuziner begleitete einen Schwaben bei sehr regnichtem Wetter zum Galgen. Der Verurteilte klagte unterwegs mehrmal zu Gott, dass er, bei so schlechtem und unfreundlichem Wetter, einen so sauren Gang tun müsse. Der Kapuziner wollte ihn christlich trösten und sagte: du Lump, was klagst du viel, du brauchst doch bloß hinzugehen, ich aber muss, bei diesem Wetter, wieder zurück, denselben Weg. - Wer empfunden hat, wie öde einem, auch selbst an einem schönen Tage, der Rückweg vom Richtplatz wird, der wird den Ausspruch des Kapuziners nicht so dumm finden.

-Im Gegensatz dazu war die Zeitschrift „Germania“ 1809 schon politischer, kämpferischer.

Diese Zeitschrift soll der erste Atemzug der deutschen Freiheit sein. Sie soll alles aussprechen was, während der drei letzten, unter dem Druck der Franzosen (Besetzung durch Napoleons Truppen, Anm. d. Red.) verseufzten, Jahre, in den Brüsten wackerer Deutscher, hat verschwiegen bleiben müssen: alle Besorgnis, alle Hoffnung, alles Elend und alles Glück.

-Eine Zeitung spielt auch in Ihrer Erzählung „Die Marquise von O...“, die übrigens von Eric Rohmer verfilmt wurde, eine entscheidende Rolle...

In M..., einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, ließ die verwitwete Marquise von O..., eine Dame von vortrefflichem Ruf, und Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern, durch die Zeitung bekanntmachen: dass sie, ohne ihr Wissen, in andere Umstände gekommen sei, dass der Vater zu dem Kinde, das sie gebären würde, sich melden solle; und dass sie, aus Familienrücksichten, entschlossen wäre, ihn zu heiraten.

-In Ihren Texten spielen viele so starke wie selbstgewisse Frauen eine bedeutende Rolle. Ihr Käthchen von Heilbronn ist noch kühner als die Marquise und läuft ungeniert einem Ritter hinterher. Wie ist die Begründung des Mädchens, die Sie ihr in den Mund legen? Der Ritter selbst kapiert ja doch gar nichts...

Als ich zu Bett ging, da das Blei gegossen,/ In der Silvesternacht, bat ich zu Gott/ wenn’s wahr wär, was mir die Mariane sagte,/ Möcht er den Ritter mir im Traume zeigen./ Und da erschienst du ja, um Mitternacht,/ Leibhaftig, wie ich jetzt dich vor mir sehe,/ Als deine Braut mich liebend zu begrüßen.

-In diesem Historienspiel vergönnen Sie dem Paar ein Happy-End genauso wie Alkmene und ihrem Ehemann in dem irrwitzigen Lustspiel „Amphitryon“. Die Amazonenkönigin Penthesilea kommt nicht so gut weg. Sie hat im Wahn ihren geliebten Achill zerfleischt und wählt, wie Sie selbst, den Freitod - aber einen der seltsamsten Art.

Denn jetzt steig ich in meinen Busen nieder,/ Gleich einem Schacht, und grabe, kalt wie Erz,/ Mir ein vernichtendes Gefühl hervor./ Dies Erz, dies läutr ich in der Glut des Jammers/ Hart mir zu Stahl; tränke es mit Gift sodann,/ Heißätzendem, der Reue, durch und durch;/ Trag es der Hoffnung ew’gem Amboss zu,/ Und schärf und spitz es mir zu einem Dolch;/ Und diesem Dolch jetzt reich ich meine Brust:/ So! So! So! Und wieder! - Nun ist’s gut.

-Ihre Komödie „Der zerbrochne Krug“ ist berühmt für seine Pingpong-Dialoge. Die können wir hier natürlich nicht vorführen. Aber ein Beispiel für Ihre Sprachspiele wäre schön.

Ja, seht. Zum Straucheln braucht’s doch nichts, als Füße./ Auf diesem glatten Boden, ist ein Strauch hier?/ Gestrauchelt bin ich hier; denn jeder trägt/ Den leid’gen Stein zum Anstoß in sich selbst.

- Richter Adam gibt damit eigentlich schon alles über sich selbst preis. Ein anderer Hallodri ist Sosias, der Diener von Amphitryon. Den beutelt die Obrigkeit in Form des Gottes Merkur und er jammert...

Ach lass mich gehn./ Dein Stock kann machen, dass ich nicht mehr bin;/ Doch nicht, dass ich nicht Ich bin, weil ich bin./ Der einz’ge Unterschied ist, dass ich mich/ Sosias jetzo der geschlagene, fühle.

-Als Dichter, Denker und Analytiker geben Sie auch ganz praktische Auskünfte.

Wenn du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir (...) mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen.

-Das Sprechen und Schreiben hat Sie letztlich nicht abgehalten, in den Tod zu gehen.

Nur soviel wisse, dass meine Seele, durch die Berührung mit der Ihrigen (Henriette Vogel, Anm. d. Red.), zum Tode ganz reif geworden ist; dass ich die ganze Herrlichkeit des menschlichen Gemüts an dem ihrigen ermessen habe, und dass ich sterbe, weil mir auf Erden nichts mehr zu lernen und zu erwerben übrig bleibt. Lebe wohl!

Das „Gespräch“ führte Simone Dattenberger.

Zitiert aus (der Reihe nach): „Prinz Friedrich von Homburg“, Anekdoten, „Germania“, „Die Marquise von O...“, „Das Käthchen von Heilbronn“, „Penthesilea“, „Der zerbrochne Krug“, „Amphitryon“, „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“, Briefe.

Lebensdaten Von Kleist

1777: Geburt am 10. Oktober in Frankfurt an der Oder als Sohn eines preußischen Offiziers

1788: Tod des Vaters 1792: Eintritt in die Armee mit 14 Jahren 1793: Tod der Mutter. Teilnahme am Rheinfeldzug gegen Frankreich

1799: Erbetener Abschied aus dem Militärdienst. Studium der Physik, Mathematik und Philosophie in Frankfurt an der Oder

1800: Verlobung mit der Generalstochter Wilhelmine von Zenge, Abbruch des Studiums

1801: Auslandsreisen, unter anderem nach Paris und Basel. Krise nach der Lektüre von Kant

1802: Erste schriftstellerische Arbeit, Auflösung der Verlobung mit Wilhelmine von Zenge

1803: Zusammenbruch in Mainz, lange Behandlung 1804: Uraufführung der „Familie Schroffenstein“ in Graz

1805: Vorübergehende Aufnahme in den Staatsdienst

1807: „Amphitryon“ und „Das Erdbeben in Chili“

1808: Inszenierung des „Zerbrochnen Krugs“ durch Goethe in Weimar ein Flop; „Penthesilea“, „Die Marquise von O...“ und „Michael Kohlhaas“. Start des Kunstjournals „Phöbus“

1810: Erste Ausgabe der „Berliner Abendblätter“, Konflikte mit der Zensur, Uraufführung des „Käthchens von Heilbronn“ in Wien

1811: Ende der „Berliner Abendblätter“, verzweifelte Versuche zur Existenzsicherung. Am 21. November Freitod mit Henriette Vogel (geb. 1780) am Kleinen Wannsee

Auswahl von Kleist-Büchern

Eine neue große Biografie hat Günter Blamberger im S. Fischer Verlag herausgebracht. Der Germanist erzählt den Lebensweg nicht vom Ende her, also von Kleists Freitod. Stattdessen verfolgt er die Ereignisse, wie sie von Kleist selbst erlebt wurden („Heinrich von Kleist“, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 688 Seiten; 24,95 Euro).

Ebenfalls neu ist „Kleist. Dichter, Krieger, Seelensucher“, vorgelegt von Peter Michalzik. Der Journalist interessiert sich vor allem für den Menschen Kleist (Propyläen Verlag, Berlin, 448 Seiten; 22,99 Euro). Die italienische Autorin, Übersetzerin und Germanistin Anna Maria Carpi stellt Kleist in einer Art Romanbiografie vor. Zwar hält sie sich streng an die Quellen, imaginiert aber Begegnungen, Unterhaltungen und Szenen. („Kleist, ein Leben“. Insel Verlag, Berlin, 500 Seiten; 24,90 Euro).

Eine Kurzvita bietet „Heinrich von Kleist“ (C. H. Beck Verlag, Wissen, München, 128 Seiten).

Eine neue Kleist-Werkausgabe liegt seit 2010 vor. Münchner Ausgabe: Heinrich von Kleist, Sämtliche Werke und Briefe, 3 Bände, 2730 Seiten; 128 Euro. Brandenburger Ausgabe: Sämtliche Werke, 22 Bände, Stroemfeld Verlag, Frankfurt a.M., Subskriptionspreis 1884 Euro.

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